Da tut sich was in Rothenburgsort

Rothenburgsort wächst – und mit dem Stadtteil verändern sich Wege, Begegnungsorte und Nachbarschaften. Auch das Sozialkontor rückt mit einem neuen Treffpunkt näher an den Alltag der Menschen.

Mittagszeit in der Bäckerei Çaglar. Hinter der Theke werden Bestellungen aufgenommen, Kaffee gekocht, Pide und Pizza gebacken. Es duftet nach geschmolzenem Käse und frischen Kräutern. Ein Großteil der Tische drinnen und draußen ist besetzt. Junge und alte Menschen, Familien und Berufstätige essen, trinken, reden. An der Bestelltheke wird die Schlange länger.

An einem Tisch trinken Özlem Winkler-Özkan und Inka Butz türkischen Tee, Çay, und erzählen von Rothenburgsort. Inka Butz leitet für das PEM Center – Kunst und Kulturzentrum für emotionale Bildung e.V. die Regionalkonferenz im Stadtteil. Sie berichtet von Menschen, die einander kennen, Einrichtungen, die zusammenarbeiten, und Ideen, für die sich fast immer Mitstreiter*innen finden. Wer neu zur Regionalkonferenz komme, sei häufig „total begeistert“, sagt Inka Butz, „wie aktiv und lebendig der Stadtteil ist“.

Özlem Winkler-Özkan ist Vorsitzende des Stadtteilrats Rothenburgsort. Dort erlebt sie Diskussionen, Ungeduld und Unmut, wenn etwas nicht vorangeht. Wer etwas verändern wolle, müsse sich einsetzen und die Ärmel hochkrempeln, erzählt sie. Dafür gebe es Resonanz. „Da kann man was bewegen.“ Im Gespräch landen beide immer wieder bei einer sehr alltäglichen Frage: Wo kommen Menschen zusammen?

Ein Stadtteil wächst

Ein Spaziergang durch Rothenburgsort zeigt, wie viel gleichzeitig passiert. Neben Industrieanlagen und älteren Mehrfamilienhäusern gibt es moderne Neubauten, dazwischen liegen Grünflächen und Spielplätze. Ende 2022 lebten 9.641 Menschen hier, Ende 2025 waren es bereits 11.304. Rund 1.600 öffentlich geförderte und frei finanzierte Mietwohnungen und Eigentumswohnungen seien in den vergangenen zehn Jahren entstanden, sagte Bezirksamtsleiter Ralf Neubauer dem Hamburger Abendblatt, das kürzlich über den „Bauboom“ im Stadtteil berichtete. Für die kommenden Jahre sieht er demnach Potenzial für mehr als 1.000 weitere Wohnungen.

Manchmal zeigt sich Stadtentwicklung an erstaunlich gewöhnlichen Dingen. Am Rothenburgsorter Marktplatz soll noch 2026 ein Edeka-Markt und damit der erste Vollsortimenter des Stadtteils eröffnen. Einen solchen Supermarkt wünschen sich Menschen dort schon seit vielen Jahren. Das zeigt: Mit der Einwohnerzahl müssen auch Nahversorgung, Bildungsangebote und soziale Infrastruktur wachsen. Wer in einem Viertel lebt, braucht schließlich nicht nur ein Zuhause, sondern auch Schulen, Kitas, Einkaufsmöglichkeiten und Orte, an denen Menschen zusammenkommen.

Auch die Wege verändern sich. Die Brücke Entenwerder soll erstmals eine direkte Fuß- und Radwegverbindung über den Oberhafenkanal zwischen Rothenburgsort und der HafenCity schaffen. Die für Mitte 2026 geplante Fertigstellung hat sich etwas verzögert, nun soll die Brücke aber nach Angaben des Bezirksamts Anfang September eingeweiht werden. Eine neue Billebrücke soll zudem als Teil des Alster-Bille-Elbe-Grünzugs Hammerbrook direkter mit Rothenburgsort verbinden. Der Baustart ist für 2028 vorgesehen.

Orte für Begegnung

„Mit der steigenden Einwohnerzahl wird auch der Bedarf an zusätzlichen Begegnungsorten, Beratungsangeboten sowie sozialen und kulturellen Angeboten steigen“, sagt Elsa Scholz, Sprecherin des Bezirksamts Hamburg-Mitte. Viele Vereine und Einrichtungen stoßen ihren Angaben zufolge bereits an räumliche Grenzen oder haben keine festen Räume. Am Alexandra-Stieg ist deshalb ein Stadtteilzentrum mit rund 600 Quadratmetern für soziale und kulturelle Nutzungen geplant. Die Bauarbeiten sollen bis Anfang 2029 abgeschlossen sein.

Auch die ehemalige Schule am Bullenhuser Damm soll neue Möglichkeiten schaffen. Mit dem Modellprojekt „klinke“ entsteht dort bis 2029 schrittweise ein gemeinschaftlicher Arbeits-, Lern- und Begegnungsort für Nachbarschaft, Kultur, Handwerk, soziale Initiativen und Kleingewerbe. 

Für Özlem Winkler-Özkan trifft das einen Punkt, der Rothenburgsort schon lange beschäftigt. Bei größeren Treffen fehlen passende Räume, erzählt sie. Umso größer ist ihre Erwartung an das geplante Stadtteilzentrum, ein Ort, an dem man sich treffen kann.

Was gebraucht wird, beschäftigt auch den Stadtteilrat. Besonders Kinder und Familien hat Özlem Winkler-Özkan im Blick. „Der Bedarf an Kinderangeboten ist ganz, ganz groß“, sagt sie. Ende 2025 waren laut Statistikamt Nord 35,1 Prozent der Haushalte mit Kindern in Rothenburgsort Haushalte von Alleinerziehenden. Zum Vergleich: In ganz Hamburg waren es 25,8 Prozent. 

Rothenburgsort ist zugleich ein Stadtteil mit sehr unterschiedlichen Biografien. Für das Jahr 2025 geht das Statistikamt Nord bei 65,6 Prozent der Bewohner*innen von einem sogenannten Migrationshintergrund aus, bei den unter 18-Jährigen sogar von 83,4 Prozent. 

Aus den Zahlen allein lässt sich nicht ableiten, welche Unterstützung einzelne Menschen brauchen oder welchen Barrieren sie begegnen. Ob ein Angebot jemanden erreicht, entscheidet sich viel konkreter: Weiß die Person überhaupt davon? Ist verständlich, worum es geht? Gibt es jemanden, dem sie vertraut? Und lässt sich das Angebot im eigenen Alltag tatsächlich nutzen?

Unterstützung näher am Alltag

Solche Fragen kennt Ilkay Boran aus ihrer Arbeit. Sie leitet den Treffpunkt Wilhelmsburg des Sozialkontors. „Wir erleben schon heute, dass Menschen aus Rothenburgsort für Unterstützung in andere Stadtteile fahren. Gleichzeitig wissen viele noch gar nicht, welche Hilfen ihnen offenstehen. Gerade in der interkulturellen Arbeit merken wir, wie wichtig Sprache, Vertrauen und ein einfacher Zugang sind“, sagt Ilkay Boran.

Auch Özlem Winkler-Özkan und Inka Butz kennen das Problem. „Wenn man nicht in einer Institution vor Ort ist, weiß man nicht, wo man hingehen soll“, sagt Özlem Winkler-Özkan. Zwar seien viele Einrichtungen gut miteinander vernetzt, doch Informationen erreichten nicht automatisch alle Menschen, ergänzt Inka Butz. Die lokale Vernetzungsstelle Prävention Rothenburgsort arbeitet deshalb an einer Übersicht, die Angebote und Veranstaltungen im Stadtteil leichter auffindbar machen soll.

Das Sozialkontor gehört bereits zum Alltag in Rothenburgsort. An der Förderschule Marckmannstraße begleitet es Kinder in der schulischen Ganztagsbetreuung. Am 1. Oktober soll nur rund 200 Meter weiter, in der Marckmannstraße 59, ein zusätzlicher Standort des Treffpunkts Wilhelmsburg öffnen. Vorgesehen sind unter anderem Assistenz in der Sozialpsychiatrie, Familienassistenz und Hilfen zur Erziehung sowie Sozialberatung und offene Gruppenangebote.

„Mit dem neuen Standort wollen wir die Wege kürzer machen und Menschen mit Unterstützungsbedarf dort erreichen, wo sich ihr Alltag abspielt“, sagt Simon Steinwachs, Bereichsleiter im Sozialkontor. Konkret würde das zum Beispiel bedeuten, dass Schüler*innen der Schule Marckmannstraße und ihre Familien künftig nur wenige Gehminuten entfernt Assistenz erhalten können, wenn sie das möchten. Und auch die Sozialberatung und Freizeitangebote stehen ihnen dann in direkter Nähe offen.

„Angekommen ist der Treffpunkt, wenn die Menschen ihn nutzen, mitgestalten und er Teil des bestehenden Netzwerks in Rothenburgsort wird“, sagt Simon Steinwachs. 

Was im Alltag ankommt

Der Wandel in Rothenburgsort lässt sich an vielen Stellen messen: Wohnungen werden fertig, ein Supermarkt öffnet, neue Begegnungsorte werden geplant. Schwieriger lässt sich ermitteln, ob eine Nachbarin jemanden kennt, den sie um Rat fragen kann. Ob ein Vater weiß, wo er Unterstützung findet. Oder ob Jugendliche einen Platz haben, an dem sie willkommen sind. Elsa Scholz nennt dafür einen anderen Maßstab: „Eine positive Entwicklung würde sich daran zeigen, dass sich die Menschen im Stadtteil zuhause fühlen, sich mit ihrem Quartier identifizieren und die vorhandenen Angebote nutzen.“

Özlem Winkler-Özkan und Inka Butz, die beide im PEM Center arbeiten, erzählen von einem Stadtteil, in dem Menschen diskutieren, sich organisieren und mitreden. Manches dauert Jahre, anderes entsteht eher nebenbei. In der Bäckerei Çaglar kommen währenddessen neue Gäste herein. Die beiden Frauen bestellen sich einen Kaffee. Das Gespräch über Rothenburgsort ist noch lange nicht zu Ende.


Fotos: 

1. Ilkay Boran, Leitung des Treffpunkts Wilhelmsburg, und Sarah Bartsch, Leitung des Schulischen Ganztags im Sozialkontor. 

2. Zwei Mitarbeiterinnen des Sozialkontors vor einem Fenster der künftigen Räume des Treffpunkts in der Marckmannstraße 59. 

3. Im Gespräch beim Stadtteilfest Rothenburgsort: Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (2. von links), Bezirksamtsleiter Ralf Neubauer (rechts) und Mitarbeiterinnen des Sozialkontors. 

4. Özlem Winkler-Özkan und Inka Butz (von links) beim Stadtteilfest Rothenburgsort. 

5.  Ein Mitarbeiter des Sozialkontors und ein Besucher des Stadtteilfests mit Eis vom Eiscafé Florencia. Im Rahmen einer Kooperation mit dem Sozialkontor gab es dort eine Stunde lang kostenloses Eis. 

6. Modellansicht der neuen Brücke Entenwerder, die nach Angaben des Bezirksamts Hamburg-Mitte Anfang September eingeweiht werden soll. © sbp_gmp_Architekten

Kati Imbeck