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Friedvoll streiten

In Kirchdorf-Süd vermitteln Nachbar*innen bei Konflikten im Viertel. Das Projekt in der Tradition nordamerikanischer Friedenszirkel soll das Zusammenleben in dem diversen Quartier besser machen.

Ein grauer Montagnachmittag in Kirchdorf-Süd. Es regnet Bindfäden – der Herbst ist da. In den Räumen des Sozialkontor-Treffpunkts geht es dennoch behaglich zu: Eine Gruppe hat Blüten, Beeren und Gräser gesammelt und in der Mitte eines Stuhlkreises auf einer farbenfrohen Decke in Vasen gestellt.

»So sieht es aus, wenn wir zusammenkommen und erproben, was wir bald in unsere Nachbarschaft tragen wollen: Nachbarschaftszirkel, in denen wir Konflikte im Viertel lösen können«, erläutert Teilnehmerin Martina. Das Handwerkszeug dafür hat sie sich im Rahmen einer mehrmonatigen Qualifizierung erarbeitet. Rund 16 Männer und Frauen, die in Kirchdorf-Süd leben oder arbeiten, haben daran teilgenommen – darunter drei Mitarbeitende und fünf

Nutzer*innen des Sozialkontors. Das Ziel des Projekts: Wenn es Streit gibt, bringen die geschulten Vermittler*innen die Parteien an einen Tisch – beziehungsweise in einen Zirkel – und begleiten sie dabei, selbst eine Lösung zu finden.

Mehr Teilhabe ermöglichen

Passend dazu ist heute eine Friedenstaube der Redegegenstand. Nur wer den Vogel aus weißem Tonpapier in der Hand hat, spricht. Alle anderen hören zu, ohne zu unterbrechen. Zuerst hält Kathrin Schwarz, Leitung Treffpunkt und Wohnen & Assistenz Kirchdorf-Süd des Sozialkontors, die Taube: »Wo viele unterschiedliche Menschen zusammenleben, kommt es zwangsläufig zu Konflikten.« Die große Frau mit den kurzen Locken ist selbst in der Ausbildung zur Vermittlerin dabei – und vom Konzept der Zirkel überzeugt.

Initiiert hat das Projekt die AG Kirchdorf. Dort engagieren sich Mitarbeitende des Sozialkontors sowie Vertreter*innen des Freizeithauses, von Verikom, der Elternschule, der Straßensozialarbeit, der Schule an der Burgweide, von »Die Insel Hilft«, »1000 Steine«, Pro Quartier und anderen. »Unser gemeinsames Anliegen

ist, mehr Teilhabe zu ermöglichen und einen passenderen Umgang mit Konflikten zu finden«, so Kathrin Schwarz. »Wir wissen: Im Zusammenwohnen, gerade in einem so diversen und engen Quartier wie Kirchdorf-Süd, es ist es wichtig Wege zu finden, damit alle zufriedener leben können.«

Nachbarschaftszirkel stehen in der Tradition der »peace circles« (Friedenszirkel) aus Nordamerika. Dort kommen sie in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zum Einsatz. »Dabei ist ganz zentral, dass unter den Beteiligten eine Gemeinschaft und tragfähige zwischenmenschliche Beziehungen entstehen«, erklärt Teilnehmerin Barbara. Weil das am besten auf Augenhöhe funktioniert, duzt man sich im Zirkel.

Wertschätzen, nicht werten

Was ein bisschen nach Friedenspfeife und Regenbogenfahne klingt, sieht in Kirchdorf-Süd so aus: Die Konfliktparteien und zwei Vermittler* innen treffen sich zu mehreren vorbereitenden Gesprächen und mindestens einem Haupttreffen. Wer den Redegegenstand hat, wird gehört; Vertrauens- und Beziehungsaufbau sind die Grundlage eines jeden Lösungsansatzes.

Zum Aufwärmen gibt es stets eine Eingangsfrage, die alle Parteien beantworten. So entsteht eine gemeinsame Ebene, auf der sich auch die unterschiedlichsten Menschen gegenseitig erkennen und wiederfinden. An diesem Montagnachmittag heißt sie: »Wo wärst du jetzt, wenn du nicht hier wärst?« Teilnehmerin Carina würde etwas für sich kochen, Barbara wäre beim Schwimmen, zwei weitere künftige Vermittlerinnen würden ihre Gruppe der Ambulanten Sozialpsychiatrie besuchen.

Runde um Runde erzählen die Teilnehmenden im Zirkel, wie sie die Dinge sehen – wertschätzend, aber ohne zu werten. Lösungen werden zusammen erzielt. Das bedeutet, dass die Beteiligten Konflikte gemeinsam bearbeiten und dabei respektvoll miteinander umgehen. Weder Betreuer*innen noch beispielsweise die Polizei greifen ein. Vertreter*innen offizieller Einrichtungen oder Vermieter*innen können aber durchaus gleichberechtigt bei den Kreistreffen dabei sein. »Die Vermittler*innen bereiten alle Treffen gemeinsam mit den Teilnehmenden gründlich vor und auch nach. Wichtig ist, dass sich bei den Treffen alle wohl und sicher fühlen«, erklärt Teilnehmerin Dorothea. Ob die vereinbarte Annäherung gelungen ist, klären die Teilnehmenden in einem Nachbereitungstreffen.

Kathrin Schwarz: »Im gesamten Zirkel geht es darum, das Zusammenleben im Quartier besser zu machen, sozialen Frieden herzustellen und die Nachbarschaft zu gestalten oder zu heilen.« Sie ist überzeugt: »Wir sind besser gemeinsam.«

Konflikt: Lärmbelästigung

Welche Konflikte stehen dabei im Mittelpunkt? »In den meisten Fällen geht es um Lärmbelästigung oder Müll«, erläutert Kathrin Schwarz. Nach kurzer Diskussion kommen die Stuhlkreis-Teilnehmer*innen zu dem Schluss, dass sich grundsätzlich immer eine Gruppe Nachbar*innen vom Verhalten einer anderen gestört fühle. Insgesamt stehe dahinter oft ein Generationenkonflikt beziehungsweise der Clash unterschiedlicher Kulturkreise – was für die einen ganz normal ist, bringt die anderen auf die Palme. Einzelne Konflikte sind bereits ans Treffpunkt-Team herangetragen worden – offiziell startet das Angebot der Zirkel aber erst nach Abschluss der Ausbildung im November 2022. Dorothea: »In dieser Runde kennen wir uns inzwischen gut. Für andere Leute einen Zirkel zu machen, ist für mich etwas anderes, da fühle ich mich noch sehr ins kalte Wasser geschmissen.« Dennoch ist die Nutzerin des Sozialkontors zuversichtlich, dass sie auch das mit dem Rückhalt der Gruppe schaffen wird.

Kontakt

Über den Treffpunkt des Sozialkontors können alle Nachbar*innen das Vermittler*innen-Team erreichen – telefonisch oder persönlich. Alle Mitarbeitenden wissen Bescheid und die Vermittler* innen melden sich zurück.

Treffpunkt Kirchdorf-Süd
Kirchdorfer Damm 6
21109 Hamburg
T: 040 / 558 989 89

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