„Hört uns zu“

Menschen aus dem Sozialkontor berichten von ihren Erfahrungen mit Rassismus in Deutschland – und wie sie damit umgehen.

Als Faruk Arslan 1971 im Alter von sieben Jahren nach Deutschland kam, fühlte er sich wie in einem bunten Paradies. Zwei Jahrzehnte später wurde sein Vertrauen in die neue Heimat brutal zerstört. Neonazis verübten 1992 einen rassistischen Brandanschlag auf das Wohnhaus seiner und einer weiteren türkischen Familie in Mölln. Im Schlaf überrascht, kamen Faruk Arslans Mutter Bahide Arslan (51), seine Tochter Yeliz Arslan (10) und seine Nichte Ayşe Yılmaz (14) ums Leben. Seine Frau Hava, seine beiden Söhne sowie fünf weitere Familienangehörige überlebten verletzt, er selbst war in der Nacht nicht im Haus.

Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda und Solingen – der Anschlag von Mölln war Teil einer Welle rechter Gewalt, die Deutschland nach der Wiedervereinigung überrollte. Doch rassistischer und rechtsextremer Terror ist kein Problem der Vergangenheit, wie jüngst etwa die Anschläge von Hanau und Halle sowie die Morde des NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) gezeigt haben. Dem Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa) des Jahres 2022 zufolge sind rund zwei Drittel der Bevölkerung Deutschlands schon mal mit Rassismus in Berührung gekommen – direkt oder indirekt. Mehr als 22 Prozent haben bereits gegen sie selbst gerichteten Rassismus erlebt.

Perspektive der Opfer

Mehr als 30 Jahre nach dem Brandanschlag sitzt der Schmerz bei Familie Arslan noch immer tief. Hava Arslan war 20 Jahre in psychotherapeutischer Behandlung. „Darüber zu sprechen hat mir sehr geholfen“, sagt die heute 58-Jährige, die mittlerweile mit ihrer Familie in Hamburg lebt. Im Treffpunkt Mümmelmannsberg des Sozialkontors erhalten sie und ihr Mann Betreuung im Rahmen der Ambulanten Sozialpsychiatrie – zum Beispiel bei Arztbesuchen oder Behördenangelegenheiten. Hava Arslan schätzt zudem auch den Austausch in der Kreativgruppe, beim gemeinsamen Frühstück und bei Ausflügen – etwa in die Hamburger Kunsthalle.

Faruk Arslan ist es wichtig, sich für eine öffentliche Aufarbeitung zu engagieren. „Wir müssen uns mit anderen Betroffenen zusammenschließen und unsere Geschichte weitergeben.“ Dafür fordert der 58-Jährige unter anderem Orte des Gedenkens, die die Perspektive der Opfer in den Fokus rücken, die rassistischen Anschläge dokumentieren und für die Öffentlichkeit sichtbar machen. Ein Schlüssel für die antirassistische Aufklärung sei es, offen über Erfahrungen mit rechter Gewalt zu sprechen, auch schon mit Kindern. Sein Sohn İbrahim Arslan, der den Anschlag von Mölln nur knapp überlebte, spreche etwa als Bildungsreferent an Schulen über seine Erlebnisse – und frage die Schüler*innen auch nach ihren eigenen Erfahrungen mit Rassismus.