„Ich möchte, dass sie so viel wie möglich selbst entscheiden. [...] Und das ist so wichtig – ich würde es ja selbst auch wollen [...]."“


Eine Frau mit dunklen langen Haaren steht mit verschränkten Armen vor einem orangefarbenen Hintergrund. Sie schaut leicht zur Seite, mit einem neutralen Gesichtsausdruck.

Yeliah Speich

Yeliah Speich, 32, ist Auszubildende zur Pflegefachkraft im Haus Beerboom und bereits seit 2021 beim Sozialkontor. Sie pendelt täglich aus Neugraben-Fischbek nach Groß Borstel – mit einem Lächeln im Gesicht.


Die Pflegeauszubildende Yeliah Speich über Selbstbestimmung, Teamarbeit und starke Beziehungen im Haus Beerboom.

Einleitung:
Im Haus Beerboom in Hamburg-Groß Borstel begleitet ein interdisziplinäres Team Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen. Viele von ihnen haben ihre Behinderung erst durch einen Unfall, einen Schlaganfall oder eine Erkrankung wie Multiple Sklerose im Erwachsenenalter erworben – und müssen sich in einem völlig neuen Alltag zurechtfinden. Das Haus bietet ihnen nicht nur ein barrierefreies Zuhause, sondern auch Pflege, Assistenz und therapeutische Unterstützung mit dem Ziel, ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu führen.
Eine, die diesen Alltag mitgestaltet, ist Yeliah Speich. Die 32-Jährige macht derzeit ihre Ausbildung zur Pflegefachkraft und arbeitet seit 2021 im Haus Beerboom. Im Interview spricht sie über Selbstbestimmung, den Wert von Beziehungen – und warum sie ihren Job liebt.


Yeliah, du arbeitest als Pflegekraft im Haus Beerboom. Wie würdest du das Ziel deiner Arbeit beschreiben?

Die Menschen im Haus Beerboom sollen möglichst alles selbst bestimmen können, von der Körperpflege über die Kleidung bis zur Tagesstruktur. Ich unterstütze sie dabei, ihre Ziele zu erreichen, berate, leite an, motiviere. Ich möchte, dass sie so viel wie möglich selbst entscheiden. Für viele ist das eine der wenigen Möglichkeiten zur Selbstbestimmung. Und das ist so wichtig – ich würde es ja selbst auch wollen, wenn ich in so einer Situation wäre.

Wie erlebst du die Zusammenarbeit mit Therapeut*innen und den pädagogischen Fachkräften im Haus?

Die Zusammenarbeit läuft wirklich gut. Wir tauschen uns ständig aus – im Dienstzimmer, per E-Mail oder bei Fallbesprechungen. Es geht immer um die Frage: Wie können wir die Menschen noch besser unterstützen? Wenn wir wissen, wie es jemandem gerade geht, können wir den Tag ganz anders gestalten. Dieser Austausch macht einen riesigen Unterschied – für die Lebensqualität der Bewohne*rinnen des Haus Beerboom.

Viele Menschen im Haus Beerboom waren früher gesund – und haben ihr Leben nach einem Unfall oder einer Erkrankung komplett umstellen müssen. Wie gehst du persönlich damit um?

Am Anfang war das schwer – man wird ständig mit sehr einschneidenden Schicksalen konfrontiert. Heute sehe ich meine Aufgabe darin, den Menschen trotzdem ein gutes, selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Ich habe einen guten Ausgleich im Privaten, bin ein positiver Mensch – das hilft nicht nur mir, sondern auch den Bewohner*innen. Die merken genau, wie wir drauf sind.

Was schätzt du besonders an deiner Arbeit im Haus Beerboom?

Ganz klar: das Miteinander. Sowohl mit den Kolleg*innen als auch mit den Bewohner*innen. Ich habe schon in vielen Einrichtungen und Krankenhäusern gearbeitet, aber nirgends wurde so viel Wert auf Autonomie der Menschen, die wir unterstützen, gelegt. Und es fühlt sich oft gar nicht wie Arbeit an – ich gehe wirklich gern hin.

Wie unterscheidet sich deine Arbeit von der in einem klassischen Altenpflegeheim?

Der Fokus ist anders. Im Haus Beerboom geht es darum, Selbstständigkeit zu fördern. Viele haben die Perspektive, irgendwann wieder auszuziehen und in einer eigenen Wohnung zu leben. In Altenheimen ist das meist die letzte Lebensstation. Dort steht eher die Grundpflege im Vordergrund – bei uns geht es um Teilhabe und Entwicklung.

Du hast im Vergleich zu Pflegekräften in anderen Pflegeeinrichtungen mehr Zeit für einzelne Bewohner*innen. Wie nutzt du die?

Wenn es der Alltag zulässt, bin ich viel im Gespräch mit den Menschen, die im Haus Beerboom wohnen. Wir gestalten Zimmer um, recherchieren gemeinsam Konzerttickets – oder unterhalten uns einfach. Daraus entstehen oft enge Beziehungen. Manche fragen mich, wie es meinem Hund geht oder wie die Schule läuft. Das berührt mich jedes Mal.

Was gefällt dir an deiner Arbeit im Sozialkontor?

Das Miteinander im Team, die individuelle Pflege und die Wertschätzung, die wir erfahren – von den Bewohner*innen, den Kolleg*innen und auch der Einrichtungsleitung. Das ist nicht selbstverständlich.

Auch du spürst sicher den Fachkräftemangel. Wie wirkt sich das aus?

Natürlich ist es manchmal stressig. Aber wir helfen uns gegenseitig, unterstützen einander. Ohne mein Team hätte ich manche Tage nicht geschafft. Am Ende geht es darum, dass es den Menschen, die hier leben, gut geht – sie können am wenigsten für die Situation.

Interview: Kati Imbeck / Sozialkontor