Frau Dr. Meins, wie sind Sie zu dem Thema Ihrer Dissertation gekommen?
Ursprünglich wollte ich eigentlich nachbarschaftliche Beziehungen untersuchen. Doch schnell wurde deutlich: Diese sind nur verständlich als Teil sozialer Netzwerke. Netzwerke sind eine ganz wesentliche Bedingung von Teilhabe – und von Behinderung. Sie stiften soziale Unterstützung, prägen Identität, ermöglichen Alltagsgestaltung. Gleichzeitig gibt es in der Forschung große Lücken: Gerade im Hinblick auf Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, die Leistungen der Eingliederungshilfe beziehen, wissen wir wenig darüber, wie ihre Netzwerke eigentlich aussehen und welche persönliche Bedeutung sie haben. Und wir wissen noch weniger darüber, wie man sie überhaupt untersucht.
Wie haben Sie diese Forschungslücke gefüllt?
Ich habe 33 erwachsene Menschen mit geistiger Beeinträchtigung befragt, die in gemeinschaftlich organisierten Wohnangeboten der Eingliederungshilfe leben. Parallel zu den Interviews haben die Menschen persönliche Netzwerkkarten erstellt – mit Playmobilfiguren und Klebezetteln. So entstanden Bilder ihrer alltäglichen Kontakte. In die Analyse sind 18 Interviews und Netzwerkkarten eingeflossen. Es ging mir darum, zu verstehen: Wie beschreiben Menschen ihre Netzwerke? Welche Rolle spielt Nachbarschaft? Welche Beziehungen bestehen – und wie sind sie in den Alltag eingebettet?
Was sind typische Herausforderungen in Bezug auf den Kontakt zwischen Menschen mit Beeinträchtigung und Nachbar*innen?
Wenn der Alltag durch institutionelle Strukturen wie Werkstatt, Fahrdienst und Gruppenangebote geprägt ist, bleibt wenig Raum, um darüber hinaus Kontakte aufzubauen. Nachbarschaftliche Beziehungen brauchen aber Möglichkeiten der Begegnung. Und diese entstehen nicht automatisch. Es braucht Gelegenheiten, Sicherheit, sozialräumliche Öffnung – und eine konzeptionelle Verankerung in den Leistungsangeboten.
Im Rahmen der Eingliederungshilfe unterstützen Assistenzkräfte Menschen mit Beeinträchtigung dabei, ihre persönlichen Ziele zu verwirklichen. Wie wirkt sich das aus auf die Entstehung nachbarschaftlicher Beziehungen?
Professionelle Unterstützer*innen können eine sogenannte Brokerposition einnehmen – also Brücken bauen zwischen Bewohnerinnen und Nachbar*innen. Etwa, indem sie Feste initiieren, Kontakte anbahnen oder sich bewusst zurücknehmen. Diese sozialräumliche Arbeit ist kein Add-on, sondern integraler Bestandteil individueller Assistenz – wenn sie mit Ressourcen, Handlungssicherheit und einem reflektierten Selbstverständnis ausgestattet ist.
Was können Nachbar*innen tun?
Erstmal gar nichts Besonderes. Normalität vermitteln, offen sein, ansprechbar bleiben. Nachbarschaftliche Hilfe ist kein Ehrenamt – sie passiert über alltägliche Begegnungen, kleine Gesten, lose Kontakte. Das reicht oft schon aus. Das Wissen umeinander ist die Grundlage zum Abbau von Vorurteilen und für gesellschaftliche Zugehörigkeit.
Gab es etwas, das Sie in Ihrer Untersuchung überrascht hat?
Ein Drittel der Befragten hatte keinerlei nachbarschaftliche Kontakte zu Menschen ohne Beeinträchtigung. Viele beschrieben ihre Beziehungen stark entlang institutioneller Rollen – Kolleg*in, Mitbewohner*in, Mitarbeiter*in. Nur drei Netzwerke fielen heraus: Sie waren weiter gestreut, interessengeleitet, selbstgewählt. Diese Personen arbeiteten nicht in einer Werkstatt, waren oft jünger und hatten andere Alltagsstrukturen. Das zeigt, wie stark Netzwerke durch institutionelle Kontexte geprägt sind.
Lassen sich aus Ihrer Arbeit politische Empfehlungen ableiten?
Die Erwartung, Nachbar*innen könnten strukturelle Lücken im Hilfesystem füllen, greift zu kurz. Zivilgesellschaftliche Ressourcen sind wichtig, aber nicht unbegrenzt verfügbar. Es braucht verlässliche Strukturen, die soziale Kontakte ermöglichen – und realistische Diskussionen über Zuständigkeiten. Netzwerke entstehen nicht von allein und Sozialraumorientierung ist nicht voraussetzungslos.
Was bedeutet das für Ihre Arbeit im Sozialkontor?
Ich nutze die Erkenntnisse nicht nur in Vorträgen und Seminaren, sondern vor allem in der konzeptionellen Entwicklung unserer Angebote, in Forschungskooperationen und in der Wirkungsorientierung. Auch meine wissenschaftliche Kompetenz hilft: Empirische Erkenntnisse reflektieren, theoretisch fundieren und in Praxis übersetzen – das ist zentral für eine lernende Organisation.
Und was hat die Forschung mit Ihnen persönlich gemacht?
Sie hat meinen Blick auf Netzwerke, auf ihre Strukturen und Funktionen verändert. Es geht nicht nur darum, wer mit wem in Kontakt ist. Es geht um, Dynamiken, Wirkungen – und die Bedingungen von Lebenslagen. Netzwerke sind weit mehr als die Summe sozialer Beziehungen. Sie sind identitätsstiftend, bauen Brücken zu anderen Systemen und sind wesentlich für eine selbstbestimmte Lebensführung. Wer das versteht, kann gezielter Teilhabechancen eröffnen.
Gibt es eine Botschaft, die Sie Leser*innen dieses Interviews mitgeben möchten?
Denken Sie nach und reflektieren Sie, was Sie glauben, zu wissen. Was Chancengleichheit und das Recht auf Teilhabe angeht, haben wir noch viel zu tun.



