Hamburg macht Tempo: Mit einer groß angelegten Kampagne wirbt der Senat seit Kurzem für das Olympia-Referendum Ende Mai. Plakate, Veranstaltungen, Social Media – die Botschaft ist klar: Die Stadt soll sich um Olympische und Paralympische Spiele bewerben. Versprochen werden nachhaltige Investitionen, neue Impulse für den Sport und mehr Barrierefreiheit. Doch was heißt das konkret für Menschen mit Behinderung? Und würde sich schon durch die Bewerbung spürbar etwas verändern?
Um diese Fragen greifbarer zu machen, hat das Sozialkontor einen Austausch mit Steffen Rülke angeregt, der das Vorprojekt der Hamburger Olympia-Bewerbung leitet und die strategische Ausrichtung der möglichen Spiele verantwortet. In den Projekträumen der Behörde für Inneres und Sport trafen Perspektiven aus Verwaltung, Praxis und Selbstvertretung aufeinander: offen, kritisch und mit vielen Beispielen aus dem Alltag.
Mit Steffen Rülke am runden Tisch saßen:
Britt Viemann, Mieter-Sprecherin im Sozialkontor und Teilnehmerin eines Rollstuhl-Stammtischs.
David Laaser, der sich bei den Kämpfern von Hamburg engagiert, einer Gruppe, die sich für Barrierefreiheit, Inklusion, Teilhabe und Leichte Sprache einsetzt und dabei Unterstützung vom Sozialkontor erhält. Er war selbst Special-Olympics-Athlet.
Sarah Bartsch, Leitung der Schulischen Ganztagsbetreuung im Sozialkontor und beteiligt an einer Kooperationsvereinbarung zwischen dem Sozialkontor und den Special Olympics Hamburg für mehr Teilhabe im Sport.
Barriereärmste Metropole – ein realistischer Anspruch?
Projektleiter Steffen Rülke formuliert ein klares Ziel: Hamburg solle „zur barriereärmsten Metropole in ganz Deutschland“ werden. Dass er nicht „barrierefrei“ sagt, sei bewusst gewählt. „Ein wirklich barrierefreies Hamburg zu versprechen, das traue ich mich nicht.“
Konkret nennt er Verbesserungen im öffentlichen Nahverkehr, barriereärmere Bushaltestellen und Handlungsbedarf bei einzelnen S- und U-Bahn-Stationen. Auch digitale Informationen – etwa die Website der Olympia-Bewerbung – sollen in Leichter Sprache zugänglich sein. Man habe sich mit 27 Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen getroffen, um Bedarfe zu sammeln.
David Laaser von den Kämpfern von Hamburg setzt einen anderen Akzent. „Man sollte sich nicht immer mit den Schlechtesten vergleichen“, sagt er. Gemeint ist der Vergleich mit anderen Städten. Sein Beispiel: die „Toiletten für alle“, also barrierefreie Toiletten mit Liege, die auch Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen nutzen können. München habe rund 20 davon. „Wenn München 23 baut, müssen wir 24 bauen.“ Hamburg hat aktuell drei Toiletten für alle, bewege sich „angeblich auf sechs zu“. Für ihn ist klar: Eine Stadt mit internationalem Anspruch sollte nicht nur mithalten – sondern vorangehen.
Interessenvertreterin Britt Viemann betont, dass Barrierefreiheit mehr sei als bauliche Maßnahmen. „Barrierefreiheit betrifft nicht nur Sportstätten, sondern auch die Logistik darum herum.“ Inklusiver Sport scheitere oft an Organisation, Erreichbarkeit und praktischer Umsetzung.
Inklusion im Sport: Anspruch und Lücke
Ein zentrales Thema ist das Fehlen passender Sportangebote im Alltag. Inklusions-Aktivist David Laaser berichtet, dass Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung aus Farmsen nach Hoisbüttel fahren müssten, um Fußball spielen zu können. Leistungsunterschiede seien bei Menschen mit Behinderung groß – geeignete Angebote selten. „Es gibt halt nicht das passende Angebot“, sagt er. Und weiter: „Nach dem letzten Schultag haben viele erst mal nie wieder Sport.“ Bewegung finde oft erst wieder in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen statt.
Steffen Rülke widerspricht ihm nicht. „Der Prozentsatz von Menschen mit Behinderungen, die Sport machen in den Vereinen, ist erschreckend und dramatisch gering.“ Geplant seien sogenannte „Entwicklungspläne“ für Schulen und Vereine. Das bedeute zunächst zu analysieren, was fehlt: Fortbildungsangebote, barrierefreie Sportstätten, zusätzliches Betreuungspersonal oder spezielles Equipment.
Konkrete Finanzierungszusagen nennt er nicht. Geplant seien sogenannte „Legacy-Projekte“ – also Maßnahmen, die langfristig Bestand haben sollen, unabhängig davon, ob die Spiele 2036, 2040 oder 2044 stattfinden. Mehr Informationen dazu folgen voraussichtlich, wenn der Hamburger Senat das für Mitte März angekündigte Finanzierungskonzept vorlegt.
Eine Stunde Bewegung – für alle?
Ein zentrales Versprechen der Bewerbung ist mehr Bewegung pro Tag für alle Kinder und Jugendlichen in Hamburg. Rülke spricht von einer „olympischen und paralympischen Generation“, die da heranwachse. Ziel sei „eine Stunde Sport und Bewegung am Tag – egal ob mit Behinderung oder ohne Behinderung“.
Sarah Bartsch, Leitung des Schulischen Ganztags im Sozialkontor, sieht darin eine große Chance – insbesondere für Kinder, die sonst wenig Zugang zu Sportvereinen und anderen Bewegungsangeboten haben. Gleichzeitig verweist sie auf die Realität in Ganztag und Förderschulen: Es brauche geschultes Personal, Fachkräfte für Unterstützte Kommunikation und verlässliche Kooperationen mit Vereinen. „Das ist schon auch noch mal ein dickes Brett.“
Steffen Rülke räumt ein, dass zusätzliche Inklusion im Schulsport „wahrscheinlich einen höheren Betreuungsbedarf auslösen“ werde und damit auch zusätzliche Mittel erfordere. Seine Einschätzung: Mit einer erfolgreichen Bewerbung steige die Wahrscheinlichkeit, dass entsprechende Ressourcen bereitgestellt würden.
Sichtbarkeit und strukturelle Fragen
Der Leiter des Vorprojekts der Olympia-Bewerbung Hamburgs Steffen Rülke betont immer wieder die gesellschaftliche Chance durch Sichtbarkeit. Die Paralympics richteten den Blick auf Leistung, Leidenschaft und Begegnung.
David Laaser erinnert jedoch daran, dass die Paralympics nur bestimmte Gruppen abbilden (siehe dazu auch den Info-Text unten). Er erzählt von einem Torwart mit Trisomie 21: „Das war der fröhlichste Mensch in der ganzen Arena.“ Solche Bilder könnten dazu beitragen, Vorurteile abzubauen.
Entscheidung per Referendum
Ob Hamburg den nächsten Schritt überhaupt geht, entscheiden die Bürgeri*nnen selbst. Am 31. Mai 2026 stimmen die Hamburger*innen in einem Referendum darüber ab, ob die Stadt offiziell am Bewerbungsverfahren für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 teilnehmen soll. Damit geht es zunächst nicht um die Ausrichtung selbst, sondern um die Frage, ob Hamburg sich offiziell bewirbt. Erst danach würde das eigentliche internationale Auswahlverfahren beginnen.
Woran merkt man, ob es ernst gemeint ist?
Am Ende steht die zentrale Frage: Woran würden Menschen mit Behinderung merken, dass Hamburg es ernst meint, mit der Inklusion und dem Abbau von Barrieren im Zuge einer möglichen Olympia-Bewerbung?
„Kämpfer“ David Laaser formuliert es klar: „Wenn Menschen mit Behinderung schon recht früh im Alltag merken, dass es inklusiver wird.“ Und wenn Generationen aufwachsen, für die Barrierefreiheit selbstverständlich sei.
Mietersprecherin Britt Viemann bleibt realistisch: Ob das Konzept aufgehe, werde man „erst in den folgenden Jahrzehnten“ wirklich beurteilen können.
Zwischen Vision und Wirklichkeit liegen also noch viele offene Fragen. Klar ist: Eine Bewerbung allein schafft keine Inklusion. Aber sie kann politischen Druck erzeugen oder Erwartungen wecken, an denen sich die Stadt messen lassen muss. Für Menschen mit Behinderungen in Hamburg bedeutet die Bewerbung vor allem eines: genau hinsehen, nachfragen – und mitreden.
Info: Paralympics und Special Olympics – was ist der Unterschied?
Paralympics und Special Olympics werden häufig gleichgesetzt, unterscheiden sich jedoch in Zielgruppe und Ausrichtung. Die Paralympischen Spiele sind ein internationales Leistungssportereignis, vorwiegend für Athlet*innen mit körperlichen oder Sinnesbeeinträchtigungen. Sie finden alle vier Jahre im Anschluss an die Olympischen Spiele statt. Special Olympics hingegen ist eine weltweite Sportbewegung für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung. Im Mittelpunkt stehen Teilhabe, persönliche Entwicklung und sportliche Erfolgserlebnisse – unabhängig vom Leistungsniveau. Auch Special Olympics richtet nationale und internationale Wettbewerbe aus, verfolgt jedoch einen inklusiven Breitensportansatz mit eigener Organisationsstruktur. Hamburg will sich aktuell nur um die Olympischen und die Paralympischen Spiele bewerben.
Bildbeschreibung (von links): Sarah Bartsch, Leitung der Schulischen Ganztagsbetreuung im Sozialkontor, Britt Viemann, Mieter-Sprecherin im Sozialkontor und Teilnehmerin eines Rollstuhl-Stammtischs, David Laaser, Kämpfer von Hamburg, Steffen Rülke, Leiter des Vorprojekts der Hamburger Olympia-Bewerbung, Kati Imbeck, Redaktion Sozialkontor Magazin (Foto: Sozialkontor)
