Respekt: Ihr seid unser Nachwuchs

Vielfalt und Diversität sind ein wichtiger Teil der Unternehmenskultur des Sozialkontors. Allein unter den Bewerber*innen für die Pflegeausbildung haben 8 von 10 eine Migrationsgeschichte.


Der Hamburger Sportver­ein in der 1. Bundesliga? »Ich weiß nicht …«, sagt Fußballfan Ulfert Kniff­ka. Nach fünf geschei­terten Versuchen seines Clubs ist der Bewohner des Haus Beerboom vorsichtig geworden, was Auf­stiegsfantasien angeht. Ousmane Tine, Pflegeauszubildender im dritten Lehrjahr, sitzt neben dem 52-jährigen Mann im Rollstuhl und lächelt verständnisvoll. Der ge­bürtige Senegalese ist kein so lei­denschaftlicher Fan der Rothosen. Doch auch sein Herz schlägt für einen HSV, und zwar den Hoisbüt­teler Sportverein, bei dem er seit vier Jahren selbst kickt und wo er nach dem Umzug in seine Wahl­heimat Hamburg Freunde fand.

Neben der Medikamentenaus­gabe, Blutdruck messen, Körper­pflege und der Arbeit mit Liftern und anderen technischen Hilfs­mitteln sind es diese Begegnungen auf Augenhöhe, die Ousmane am Pflegeberuf besonders schätzt. Sie waren letztlich auch der Grund, aus dem er sich für die Ausbil­dung beim Sozialkontor entschied. Dabei hätte er überall anfangen können. »Ich habe ein Freiwilliges Soziales Jahr gemacht, mich dann für die Pflegeausbildung beworben – und bekam gleich vier Ausbil­dungsplätze angeboten«, erzählt der 29-Jährige. Doch die Arbeit im Krankenhaus ist ihm zu unper­sönlich. »Ich bin ein Beziehungs­mensch und wünsche mir lang­fristige Pflegebeziehungen.« Im Haus Beerboom des Sozialkontors, in dem Menschen mit Körperbe­hinderungen und neurologischen Erkrankungen dauerhaft leben, ist das möglich.

Seit 2020 ist Ousmane in Deutsch­land. Eigentlich hatte der gebürti­ge Senegalese aus Dakar vor, nach Frankreich zu ziehen. Dort lebt sein Vater, außerdem spricht er neben fünf afrikanischen Sprachen flie­ßend Französisch. »Das wäre der einfache Weg gewesen – aber ich wollte etwas Eigenes machen und fing an, Deutsch zu lernen«, sagt Ousmane. Ein Glücksfall für das Sozialkontor, für das Ousmane eine große Be­reicherung ist – ebenso wie die zahlreichen anderen Mitarbeiten­den, die mit einer anderen Kultur und Sprache aufgewachsen sind. »Wir schätzen diese Vielfalt und Di­versität als wichtigen Teil unserer Unternehmenskultur«, sagt der Ge­schäftsführer Kay Nernheim. Und nicht nur das: Ohne Menschen mit Einwanderungsgeschichte – ob in erster, zweiter oder dritter Genera­tion – müsste das Sozialkontor sein Angebot an sozialen Leistungen für Menschen mit Behinderungen und Menschen mit psychischen Er­krankungen radikal einschränken.

Allein unter den Bewerber*in­nen für die Pflegeausbildung im Sozialkontor haben acht von zehn eine Migrationsgeschichte. Zu ih­nen gehört auch Yeliah Speich – auch wenn sie das selbst gar nicht so sieht. »Mein Vater stammte aus Indonesien, aber ich bin hier gebo­ren und aufgewachsen«, sagt die angehende Pflegefachfrau im ers­ten Lehrjahr, die zuvor bereits eine Ausbildung zur Gesundheits- und Pflegeassistenz beim Sozialkontor absolviert hat.

Aktuell ist Yeliah im externen Praxiseinsatz in der ambulanten Intensivpflege und heute nur für einen Tag im Haus Beerboom. Be­schwingt läuft sie durch die Gänge des dreistöckigen, modernen Hau­ses, grüßt Kolleg*innen und Be­wohner*innen herzlich.

Die 31-Jährige fühlt sich wohl in Hamburg und beim Sozialkon­tor. Das war nicht überall so. Eine Zeitlang lebte sie in Mecklenburg- Vorpommern und erlebte dort of­fenen und versteckten Rassismus. »Von der Frage, ob ich Deutsch spräche, über Tuscheln hinter meinem Rücken, dass ich zurück in mein Land solle, bis hin zu ei­nem gewalttätigen Angriff habe ich alles erlebt«, berichtet sie.

Am Haus Beerboom gefällt ihr ne­ben der kollegialen Atmosphäre und dem guten Lernklima auch die kulturelle Vielfalt der Mitar­beitenden, die dort von allen sehr geschätzt wird. So haben die Aus­zubildenden etwa im vergange­nen Jahr zusammen ein »Fest der Kulturen« organisiert, bei dem sie selbstgekochte Gerichte aus ihren Heimatländern – Indonesien, Po­len, dem Iran, Nicaragua, Palästina, Kuba und Deutschland – servierten. »Die Idee war, sich damit bei den Bewohner*innen zu bedan­ken, dass sie bei den praktischen Prüfungen der Auszubildenden mitmachen, bei Sprachbarrieren geduldig sind und stets unterstüt­zen und Mut machen«, sagt Aus­bilder und Praxisanleiter Oliver Bruderek. Yeliah Speich bereitete übrigens das deutsche Gericht zu: Nudelsalat mit Frikadellen. »Das kam richtig gut an« erzählt sie.

Solche Aktionen stärken den Zu­sammenhalt. Wie wichtig es ist, sich beim Arbeitgeber willkom­men zu fühlen, weiß Yeliah auch durch ihre Tätigkeit als Jugend- und Auszubildendenvertreterin beim Sozialkontor. »In anderen Bereichen wird es Nachwuchs­kräften aus dem Ausland leider noch allzu oft sehr schwer ge­macht«, sagt sie. Insbesondere bürokratische Hürden seien ein Problem. »Einige müssen trotz abgeschlossener Ausbildung und super Deutschkenntnissen um ihre Aufenthaltserlaubnis bangen – zum Beispiel, weil Termine in der Ausländerbehörde so schwer zu bekommen sind.«

Für Ousmane Tine ist das erst­mal kein Thema. Wenn er im Juli seine Ausbildung abschließt, erhält er sofort im Anschluss einen unbe­fristeten Arbeitsvertrag als Pflege­fachkraft beim Sozialkontor. »Und dann stehen die Chancen ziemlich gut, dass er direkt eine mehrjähri­ge Arbeitserlaubnis bekommt«, so Ausbilder Oliver Bruderek. Klappt es also dieses Jahr wieder nicht mit dem HSV-Aufstieg, kann Ulfert Kniffka auch in der nächsten Sai­son auf die emotionale Unterstüt­zung seines Pflegers zählen.

Kati Imbeck