Streetart gegen Ausgrenzung

Schallplatten, Schablonen und Spraydosen: Junge Menschen schaffen in einem Streetart-Projekt persönliche Kunstwerke – und setzen Zeichen gegen Mobbing und Ausgrenzung.

Lautes Klackern, dann ein Zischen: Farbe legt sich auf eine schwarze Schallplatte. Erst Blau, darüber Pink. Eine Hand platziert die Schablone eines comichaften Tiergesichts auf der Fläche, noch einmal zischt die Spraydose.

In der Luft liegt der süßlich-chemische Geruch von Lösungsmitteln. Auf dem Tisch stapeln sich ausgeschnittene Formen und zerknülltes Papier, an den Wänden leuchten bunte Farbreste. Hier muss nichts sauber oder perfekt sein. Wer eine Idee hat, probiert sie aus – und wenn sie nicht funktioniert, kommt eben die nächste Farbe darüber.

„Ich habe letzte Woche mit Schablonen einen Otter und einen Schmetterling auf Schallplatten gesprüht, meine Lieblingstiere. Die liegen jetzt zuhause noch auf dem Tisch, aber die wollen wir noch aufhängen“, sagt ein 13-jähriges Mädchen. Andere wählen Katzen, Pandabären, Punkte oder wilde Sprenkel. Eine neunjährige Teilnehmerin bringt das Prinzip des Workshops auf den Punkt: „Wir können hier sprayen, was wir wollen.“

Ausprobieren ohne richtig und falsch

Dieser Freiraum gehört zur Idee von „Laut werden & Zeichen setzen“, einem Projekt des Treffpunkts Mümmelmannsberg des Sozialkontors. Junge Menschen mit und ohne Behinderung entwickeln dort eigene Motive, wechseln Perspektiven und beschäftigen sich kreativ mit Mobbing und Ausgrenzung – und damit, was sie selbst dagegen tun können. Aktion Mensch fördert das Projekt im Rahmen der Förderaktion „Setzt ein Zeichen! Miteinander für mehr Respekt und Vielfalt“.

In der Street Art School in der Rindermarkthalle in Hamburg-St. Pauli lernen die Teilnehmer*innen das Handwerk: Wie weit halte ich die Dose von der Fläche entfernt? Wie entsteht ein Farbverlauf? Was lässt sich mit Schablonen machen? Danach können sie experimentieren. Frank von der Street Art School beschreibt das als einen „Raum des Spielens“. Dort seien die Erwartungen an das eigene Ergebnis geringer. Man könne Dinge wagen, bei denen man sonst vielleicht schon nach wenigen Minuten denke: Das wird nichts.

Dabei entsteht mehr als eine bunt besprühte Schallplatte. Frank beobachtet, dass manche Kinder und Jugendliche nach einem Workshop selbstbewusster nach Hause gehen. Sie könnten dann sagen: „Guck mal, hier hab‘ ich was gemacht, das habe ich hinbekommen, das sieht cool aus, das gefällt mir.“

Der Stadtteil als Galerie

Begonnen hat das Projekt nicht an der Spraydose, sondern draußen in Mümmelmannsberg. Beim ersten Treffen frühstückte die Gruppe gemeinsam und zog anschließend durch den Stadtteil. An Hauswänden und anderen Orten gibt es dort zahlreiche Streetart-Werke zu entdecken. Statt den Kindern und Jugendlichen vorzugeben, was die Bilder bedeuten, ermutigte Streetart-Künstlerin Nästy von der Street Art School sie, selbst zu erzählen, was sie darin erkennen.

Vor einem Bild mit einem großen roten Herz, in dem sich zwei Figuren mit Werkzeugen von unterschiedlichen Seiten aufeinander zubewegen, sagte ein Junge: „Das ist ein bisschen wie bei Mama und Papa. Sie kommen aus zwei verschiedenen Welten, aber sie wollen sich in der Mitte treffen.“ So entstehen spontane Gespräche über Herkunft, Rassismus oder Zusammenleben, weil plötzlich ein Bild an einer Wand dazu anregt.

Streetart passt besonders gut nach Mümmelmannsberg. Der Stadtteil ist seit Jahren selbst eine große Freiluftgalerie. Internationale und lokale Künstler*innen haben dort Wandbilder, Installationen und andere Arbeiten geschaffen, die Interessierte über QR-Codes und eine digitale Karte erkunden können. Die Projekt-Teilnehmenden beschäftigen sich also mit einer Kunstform, die längst zum Bild ihrer Gegend gehört – und überlegen zugleich, welche Zeichen sie selbst setzen möchten.

Oona Tattenberg vom Treffpunkt Mümmelmannsberg hat überrascht, wie frei die Kinder an die Aufgaben herangehen. Erwachsene hätten häufig schon vorher eine Vorstellung davon, wie etwas aussehen oder ablaufen solle. Die jungen Künstler*innen dagegen kombinierten Farben, besprühten neben den vorgesehenen Flächen auch Papier, Masken oder ihre Handschuhe und probierten eigene Techniken aus. „Die sind viel offener und freier und haben noch mal ganz andere Blickwinkel“, sagt sie.

Gegen Ausgrenzung, für Vielfalt

Bis Juni 2027 geht das Projekt weiter. In den Herbstferien stehen erneut Workshops in der Street Art School an, weitere Termine sind für die Frühjahrsferien 2027 geplant. Welche Themen und Aktionen daraus entstehen, sollen die jungen Menschen mitbestimmen. Neben Streetart geht es um Mobbing, Rassismus und Ausgrenzung – und um die Frage, wie eigene Botschaften im Stadtteil sichtbar werden können. Zum Abschluss ist eine Veranstaltung mit Ausstellung geplant.

Neue Teilnehmende sind willkommen. Vorkenntnisse braucht niemand. Vielleicht entsteht beim nächsten Workshop eine Schallplatte für die eigene Zimmerwand – oder ein Motiv mit ganz persönlicher Bedeutung. Eine Teilnehmerin wählte etwa eine Fledermaus, weil sie kurz zuvor eine echte an ihrer Hauswand gesehen hatte. Dazu sprühte sie ein Herz mit Flammen: „Weil das für mich für Liebe steht“. Genau darum geht es: jungen Menschen Raum für das zu geben, was sie sehen, erleben und ausdrücken möchten.


Mitmachen bei „Laut werden & Zeichen setzen“

Termine in den Herbstferien 2026:

20.10.2026
10 bis 16 Uhr

29.10.2026
10 bis 16 Uhr

Wo: Treffpunkt Mümmelmannsberg, Feiningerstraße 4, von dort fahren wir gemeinsam mit der U-Bahn zur Street Art School (St. Pauli)
Für wen: Junge Menschen mit und ohne Behinderung im Alter von 12 bis 20 Jahren
Teilnahme: kostenlos
Anmeldung: treffpunkt-muemmelmannsberg@sozialkontor.de 

 

 

Kati Imbeck / Sozialkontor