Wie verständigt man sich mit einem Menschen, der nicht oder nur sehr wenig spricht? Woran erkennt man, was er möchte, was ihm gefällt oder wann ihm etwas zu viel wird? Diese Fragen beschäftigten Melek Doğan, bevor sie zu ihrem vierwöchigen Auslandspraktikum nach Wien aufbrach. Als Teil ihrer Heilerziehungspflege-Ausbildung, die sie im Sozialkontor absolviert, sollte sie dort Menschen mit ganz unterschiedlichen Unterstützungsbedarfen begleiten – darunter auch Menschen, die sich nicht mit Worten verständigen. Ob es ihr gelingen würde, einen Zugang zu ihnen zu finden, wusste sie zunächst nicht.
Vier Wochen lang sammelte die angehende Heilerziehungspflegerin neue Erfahrungen in Wien. Dort absolvierte sie im Rahmen des europäischen Förderprogramms Erasmus+ ein Praktikum bei der ÖHTB Wohnen GmbH, die Menschen mit Behinderungen im Alltag begleitet. Organisiert wurde der Aufenthalt über ihre Berufsschule, die Fachschule für soziale Arbeit Alsterdorf. Für Melek war es eine Gelegenheit, ein neues Arbeitsumfeld kennenzulernen und ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln.
Die 54-Jährige aus Hamburg-Harburg hat bereits viel Berufserfahrung. Ursprünglich arbeitete die zweifache Mutter als Medizinische Fachangestellte. Nach einer Basisqualifizierung zur Fachkraft in der Eingliederungshilfe kam sie als Quereinsteigerin zum Sozialkontor. Im Treffpunkt Wilhelmsburg begleitet sie seitdem Menschen mit psychischen Erkrankungen – eine Arbeit, die ihr besonders am Herzen liegt. Als ihre Kinder erwachsen waren, entschied sie, sich fachlich weiterzuentwickeln. Seit 2024 absolviert sie die dreijährige berufsbegleitende Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin. Montags bis mittwochs arbeitet sie im Treffpunkt, donnerstags und freitags besucht sie die Fachschule.
Auslandspraktikum während der Heilerziehungspflege-Ausbildung
Was ihr für die Ausbildung noch fehlte, waren praktische Erfahrungen in der Pflege von Menschen mit Behinderungen. Diese wollte Melek bewusst außerhalb ihres gewohnten Arbeitsumfelds sammeln, am liebsten im Ausland. Wien hatte sie schon lange gereizt, und die gemeinsame Sprache machte den Einstieg leichter.
In Wien begegnete sie Erwachsenen mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten und Unterstützungsbedarfen. Sie half beim Anziehen, bei der Körperpflege und bei Mahlzeiten, begleitete Menschen mit Assistenzbedarf zum Einkaufen und unterstützte sie bei hauswirtschaftlichen Tätigkeiten. Dabei merkte sie schnell, dass es nicht allein darum ging, praktische Aufgaben zu übernehmen. Ebenso wichtig war es, die Menschen kennenzulernen, ihre Wünsche wahrzunehmen und ihre persönlichen Grenzen zu respektieren.
Dafür nahm sie sich bewusst Zeit. Mit zwei Bewohner*innen spielte sie fast jeden Abend Skip-Bo. Mit einem anderen malte sie regelmäßig. Auch gemeinsames Kochen und Backen gehörte zum Alltag. Aus diesen zunächst unspektakulären Begegnungen entwickelten sich vertraute Rituale. Nach einiger Zeit fragten Bewohner*innen Melek von sich aus, ob sie sie beispielsweise beim Einkaufen begleiten würde. Für die Auszubildende war das ein Zeichen dafür, dass sie langsam Vertrauen gefasst hatten.
Selbstständigkeit im Alltag stärken
Besonders aufmerksam beobachtete Melek die Menschen, die sich nicht mit Worten verständigten. Ein Gesichtsausdruck, eine Bewegung oder ein Laut konnten Hinweise darauf geben, wie es ihnen gerade ging. Gleichzeitig lernte sie, solche Signale nicht vorschnell zu deuten. Auch wer einen Menschen gut kennt, kann sich in seiner Einschätzung irren. „Ich lernte, auch kurze Beteiligung ernst zu nehmen und Angebote ohne Druck zu machen“, hält sie in ihrem Bericht fest.
Bei der Körperpflege erlebte Melek, wie wichtig eigene Entscheidungen sind. Ein Bewohner wollte sich die Haare färben. Gemeinsam kauften sie eine Haarfarbe, die er selbst aussuchte. Melek half anschließend beim Färben und leitete ihn beim Auswaschen der Farbe an. Was zunächst wie eine gewöhnliche Alltagssituation klingt, zeigt einen wichtigen Grundsatz der Heilerziehungspflege: Unterstützung soll Menschen ermöglichen, ihren Alltag nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.
Dazu gehört auch, die Privatsphäre zu achten. Bevor Melek ein Bewohnerzimmer betrat, klopfte sie an und fragte um Erlaubnis. Manche Bewohner wollten sie hereinlassen, andere nicht. Auch bei der Körperpflege achtete sie darauf, Handlungen anzukündigen und nur dort zu unterstützen, wo Hilfe nötig war. Für sie wurde dadurch ein einfacher, aber entscheidender Grundsatz greifbar: Ein Nein verdient genauso viel Respekt wie ein Ja.
Besonders viel schaute sich Melek dabei von einem Kollegen ab. Sie beobachtete, wie ruhig er den Bewohner anleitete und ihm Zeit gab, die Aufgaben selbst auszuführen, statt sie ihm abzunehmen. Später probierte sie diese Vorgehensweise selbst aus. Auch einen Bewohner mit höherem Unterstützungsbedarf bezog sie Schritt für Schritt beim Wäschewaschen ein: Er holte seinen Wäschekorb, öffnete die Waschmaschine und legte die Kleidung hinein. Nach dem Waschgang half er dabei, die Wäsche in den Trockner zu räumen. So konnte er trotz seines Unterstützungsbedarfs möglichst viel selbst tun.
Neue Erfahrungen für den Berufsalltag als Heilerziehungspflegerin
Neben den fachlichen Aufgaben brachte der Aufenthalt in Wien weitere Herausforderungen mit sich. Melek musste sich in einer fremden Stadt zurechtfinden und ihren Alltag organisieren. Unterkunft sowie An- und Abreise hatten die Teilnehmenden selbst geplant, während das Erasmus+-Programm einen finanziellen Zuschuss ermöglichte. Gemeinsam mit einer Mitschülerin teilte sich Melek eine Wohnung. Beide absolvierten ihre Praktika in unterschiedlichen Einrichtungen und tauschten sich nach der Arbeit über ihre Erlebnisse aus.
Dass Melek ihr Pflegepraktikum im Ausland absolvieren kann, verdankt sie auch der Unterstützung des Sozialkontors: Ihre Ausbildungsbetreuerin stand ihr bei der Planung und Umsetzung zur Seite und ihre Leitung im Treffpunkt Wilhelmsburg organisierte die Vertretung während ihrer Abwesenheit.
Wenn Auszubildende über den eigenen Arbeitsplatz hinausblicken, ist das auch für das Sozialkontor wertvoll. „Unsere Auszubildenden lernen andere Einrichtungen und Arbeitsweisen kennen und bringen neue Erfahrungen und Perspektiven mit, von denen auch ihre Kolleg*innen profitieren. Deshalb unterstützen wir solche Auslandspraktika im Rahmen unserer Möglichkeiten sehr gerne“, sagt Tim Jäkel, Leiter Ausbildung im Sozialkontor.
Nach vier Wochen hieß es Abschied nehmen. Melek backte einen Kuchen und brachte Eis für eine kleine Feier mit. Einige Menschen aus dem Wohnangebot schenkten ihr Blumen. Von den Bewohner*innen, mit denen sie regelmäßig Skip-Bo gespielt hatte, bekam sie ein ganz besonderes Abschiedsgeschenk: Skip-Bo-Karten.
Aus einem einfachen Kartenspiel war im Laufe der Wochen ein gemeinsames Ritual geworden. Und aus Meleks anfänglicher Unsicherheit die Erfahrung, dass sich Menschen auf ganz unterschiedliche Weise verstehen können. Für ihren weiteren Berufsweg nimmt sie deshalb nicht nur neue praktische Fähigkeiten mit. „Für meine weitere Ausbildung haben sich dadurch neue Türen geöffnet“, schreibt sie.
Mit Erasmus+ ins Auslandspraktikum
Andere Arbeitsweisen kennenlernen, berufliche Erfahrungen sammeln und eine Zeit lang in einem anderen Land leben: Das europäische Förderprogramm Erasmus+ macht Auslandspraktika auch für Auszubildende möglich.
Wer kann teilnehmen? Auszubildende in der beruflichen Bildung können unter bestimmten Voraussetzungen gefördert werden. Voraussetzung ist, dass der Auslandsaufenthalt über eine teilnehmende Einrichtung oder Organisation ermöglicht wird.
Wie lange dauert ein Praktikum? Geförderte Aufenthalte können zwischen zwei Wochen und zwölf Monaten dauern.
Welche Kosten werden übernommen? Erasmus+ bietet finanzielle Zuschüsse zu Reise- und Aufenthaltskosten. Wie hoch die Förderung ausfällt, hängt unter anderem vom Zielland und der Dauer des Aufenthalts ab.
Wie funktioniert die Bewerbung? Erste Anlaufstelle ist die eigene Berufsschule oder der Ausbildungsbetrieb. Dort erfahren Interessierte, welche Möglichkeiten bestehen und wie sie sich bewerben können. Meleks Praktikum wurde beispielsweise über ihre Schule organisiert.
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