Grüne, kreisförmige Wahlzettel, ein Pappkarton mit Schlitz, dazu Limo, Kaffee, Kuchen und bunte Luftballons – bei der letzten Mieter*innenversammlung von „Wohnen mit Assistenz Schellerdamm“ des Sozialkontors ging es feierlich zu. Und das aus gutem Grund: Die Wahl des neuen (alten) Interessenvertreters stand an. Aufgestellt hat sich erneut Bernhard W.*, der diese Aufgabe bereits zuvor übernommen hatte. Mit Erfolg: Acht der insgesamt sechzehn Mieter*innen beteiligten sich an der Wahl und gaben ihm ihre Stimme, indem sie in geheimer Abstimmung einen grünen Zettel in den Karton steckten – das reichte für eine Bestätigung im Amt.
Organisiert wurde die Wahl von Undine Diercks, Ombudsfrau für die Interessenvertretung des Wohnangebots. Sie engagiert sich im Projekt „BiQ – Bürgerengagement für Wohn-Pflege-Formen im Quartier“, das dem Sozialkontor seit vielen Jahren qualifizierte ehrenamtliche Ombudspersonen vermittelt. Diese werden auch Vertrauenspersonen genannt.
Seit März ist Undine Diercks im Sozialkontor Harburg in dieser Rolle aktiv, vorher war sie lange als Erzieherin und Koordinatorin an einer Schule tätig. Nach dem Eintritt in den Ruhestand suchte die 66-Jährige bewusst nach einer sinnvollen Aufgabe – und fand sie in dieser freiwilligen Tätigkeit. Die Ausbildung zur Ombudsfrau absolvierte sie bei BiQ, wo sie die rechtlichen Grundlagen lernte und praktische Übungen absolvierte.
Nähe mit Augenmaß
Inzwischen kennt sie die Bewohner*innen gut – und weiß, wie viel Fingerspitzengefühl es braucht, sie als Vertrauensperson zu begleiten. Sie trifft sich regelmäßig mit Bernhard W., sei es im Café oder vor den monatlichen Mieter*innenversammlungen, um seine Anliegen zu besprechen. „Ich schreibe die Mails für Bernhard, aber nur mit seinem Okay – und sein Name steht immer ganz oben“, erzählt sie. „Meine Aufgabe ist es, ihn zu stärken, nicht zu vertreten.“
Dabei bleibt sie konsequent in der Rolle der Unterstützerin. „Ich will niemanden ersetzen, sondern befähigen“, betont sie. Dass Bernhard W. aufgrund seiner Lernbeeinträchtigung nicht lesen oder schreiben kann, tut dem keinen Abbruch – die Zusammenarbeit funktioniert auf Augenhöhe.
Mit Herz und Haltung
So unaufgeregt wie die Wahl ablief, so solide ist offensichtlich das Vertrauen in das Duo Bernhard W. und Undine Diercks. Die Themen, die an sie herangetragen werden, reichen von Ärger mit der Post bis hin zum Wunsch nach einem Zebrastreifen vorm Haus. Auch Besuche von Polizei oder Feuerwehr werden angeregt – nicht als Notruf, sondern aus Interesse und dem Wunsch nach Austausch. „Ich mache Vorschläge, motiviere, informiere – und Bernhard entscheidet“, fasst Undine Diercks ihre Rolle zusammen.
Was sie selbst aus der freiwilligen Tätigkeit zieht? „Ganz viel Wertschätzung“, sagt sie. „Und das gute Gefühl, dass wir gemeinsam etwas bewegen können.“ Die Kombination aus Erfahrung, Empathie und strukturiertem Vorgehen kommt gut an – nicht nur bei Bernhard W., sondern im gesamten Wohnprojekt. Und vielleicht macht dieser Artikel ja noch anderen Lust, sich zu engagieren.
*Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte verzichten wir in einigen Fällen auf die vollständige Nennung von Nachnamen.
Was machen Ombudspersonen?
Ombudspersonen in sozialen Einrichtungen vertreten nicht eigene Interessen, sondern hören zu, vermitteln und stärken die Menschen mit Unterstützungsbedarf in ihrer Selbstvertretung – zum Beispiel Wohnbeiräte in Pflegeeinrichtungen und Mieter*innenvertretungen von Wohn- und Assistenzgemeinschaften oder Wohn-Pflege-Gemeinschaften. Die speziell geschulten Vertrauenspersonen helfen bei der Organisation der Interessenvertretung, aber auch, wenn es zum Beispiel darum geht, Konflikte anzusprechen oder kleine Probleme direkt zu lösen. Sie arbeiten unabhängig von den Assistenzteams vor Ort und sind immer ehrenamtlich im Einsatz. Das Sozialkontor kooperiert dafür mit BiQ – Bürgerengagement für Wohn-Pflege-Formen im Quartier.

