Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Autismus. Was hat Ihren Blick auf Menschen im autistischen Spektrum besonders geprägt?
Da ist zuallererst mein Professor, Georg Feuser, zu nennen, der mir und uns damals im Pädagogikstudium an der Uni Bremen den Blick auf Menschen mit Autismus geöffnet hat. Aber auch die unzähligen Begegnungen mit Menschen, die mit Autismus leben, tragen jedes Mal dazu bei, dass ich meinen Blick auf das Phänomen verändere und erweitere – dafür bin ich sehr dankbar.
Sie geben auch Fortbildungen zu dem Thema. Welche Fragen oder Unsicherheiten begegnen Ihnen dort – und was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Generell stelle ich bei meinen Fortbildungen immer wieder fest, dass sehr wenig Fachwissen zum Thema Autismus bei den Teilnehmenden vorhanden ist. Meine Fortbildungen bestehen grundsätzlich aus zwei Elementen: Wissensvermittlung und Arbeit an der eigenen Haltung gegenüber den Menschen.
Hier erleben die Teilnehmenden immer wieder Aha-Momente. Zum Beispiel, wenn sie verstehen, dass das herausfordernde Verhalten der Menschen, mit denen sie arbeiten, keine bewusste Provokation oder gar absichtliche Gewalthandlung ist – sondern in vielen Fällen eine aus Sicht der Person sinnvolle Handlung in einer subjektiv als isolierend empfundenen – oder auch real isolierenden – Situation.
In Ihrer Arbeit spielt der TEACCH-Ansatz (siehe unten) eine wichtige Rolle. Was kann dieser für Kinder im schulischen Ganztag an Förderschulen konkret bewirken?
Im TEACCH-Ansatz geht es zunächst darum, ein Verständnis für die Wahrnehmungsbesonderheiten von Menschen mit Autismus zu schaffen. Darauf basierend wurden die beiden Kernelemente des TEACCH-Ansatzes entwickelt: Strukturierung und Visualisierung.
So haben viele autistische Kinder, Jugendliche und erwachsene Menschen Schwierigkeiten bei Übergängen und mit Abläufen generell. Hier kann beispielsweise in vielen Fällen ein Tagesplan, der individuell auf die Bedürfnisse abgestimmt ist, dabei helfen, durch entsprechende Visualisierung Vorhersehbarkeit zu schaffen und diese Übergänge besser zu bewältigen.
Konkret geht es dann häufig darum, zu klären: Wie kann eine Person visuelle Informationen am besten verarbeiten? Muss der Tagesplan schriftlich gestaltet werden oder sind Fotos, Piktogramme oder sogar reale Gegenstände dafür notwendig? Und dann ist auch noch wichtig zu verstehen, wie viel Vorhersehbarkeit die Person überhaupt benötigt: Reicht es aus zu wissen, was als Nächstes kommt, dann reicht ein Erst-Dann-Plan. Oder muss ein Überblick über den halben oder ganzen Tag gegeben werden? Das birgt allerdings auch das Risiko, Krisen auszulösen, wenn der Ablauf durch unvorhergesehene Ereignisse gestört wird.
Wie beurteilen Sie die aktuellen Entwicklungen in der Schulbegleitung in Hamburg? Welche Chancen und Risiken sehen Sie dabei für Kinder und Jugendliche im Autismus-Spektrum und ihre Familien?
Der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung ist aus meiner Sicht zentral für die Schulbegleitung von autistischen Kindern und Jugendlichen. Die Begleitperson muss die individuellen Bedarfe des Kindes verstehen. Gleichzeitig muss das Kind darauf vertrauen können, dass diese Person verlässlich für es da ist. Hinzu kommt, dass Schulbegleiter*innen eine hohe Fachlichkeit in der Arbeit mit autistischen Kindern benötigen. Wie sich all das mit der Idee des „Poolings“ vereinbaren lässt, erschließt sich mir derzeit leider nicht.
Beim sogenannten Pooling haben Schulkinder keine feste Schulbegleitung. Stattdessen unterstützt ein Team von Schulbegleiter*innen mehrere Kinder flexibel und nach Bedarf. Welche konkreten Auswirkungen kann dieses Modell aus Ihrer Sicht auf Kinder und Jugendliche im Autismus-Spektrum haben?
Durch ihre Wahrnehmungsbesonderheiten ist der Schulbesuch für Kinder mit Autismus häufig mit großer Unsicherheit verbunden. Da sich der gesamte Schulalltag nicht auf ihre individuellen Bedürfnisse ausrichten lässt, erleben viele von ihnen dauerhaft Stress. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit für eine Krise, in der Fachsprache auch als Meltdown bezeichnet, ohnehin erhöht.
Eine vertraute Bezugsperson, die das Kind gut kennt und es durch den Unterricht und die Hortbetreuung begleitet, kann solche Situationen frühzeitig erkennen. Durch unmittelbare Unterstützung lassen sie sich häufig abmildern oder sogar verhindern. Unterstützt eine Schulbegleitung hingegen mehrere Kinder gleichzeitig, ist das nicht immer möglich.
Welche konkreten Auswirkungen das Pooling haben wird, lässt sich derzeit allerdings nur schwer einschätzen. Das wird sich in den kommenden Monaten nach Beginn des Schuljahres zeigen.
Warum machen Sie zusätzlich zu Fortbildungen auch individuelle Hospitationen – und worauf achten Sie dabei?
Gezielte Fachberatung vor Ort ist essenziell, da häufig nur von außen Strukturen erkannt werden können, die Lernen und Entwicklung erschweren. Die Mitarbeitenden dann im konkreten Tun anzuleiten, ihr Wissen direkt in der Praxis umzusetzen, hat aus meiner Sicht den größten Effekt und wirkt sehr nachhaltig.
Hinzu kommt, dass Autismus – und deswegen wird seit vielen Jahren auch vom autistischen Spektrum gesprochen – so vielfältig ist, dass es eben nicht die „eine“ Methode gibt, die zum Erfolg führt, sondern diese immer sehr individuell auf die Bedürfnisse der Kinder, Jugendlichen und erwachsenen Menschen angepasst werden muss.
Ich versuche mich immer in die Wahrnehmung der Menschen hineinzudenken, setze mir sozusagen meine „Autismus-Brille“ auf. Wie wirkt der Raum auf das Kind, wie wirkt das Verhalten der Erwachsenen im Raum, das der anderen Kinder, welche Anforderungen muss das Kind bewältigen, welche Rückzugsmöglichkeiten gibt es und wie geht die Kommunikation? Dabei fallen mir durch meine langjährige Berufserfahrung Dinge manchmal schnell auf. Für speziellere Fragen muss ich mich aber gemeinsam mit den Kolleg*innen vor Ort auch länger beraten, bis wir verstehen, wo die besonderen Schwierigkeiten liegen.
Können Sie eine Situation schildern, in der ein Verhalten zunächst schwer verständlich wirkte und durch Ihre Beobachtung eine andere Bedeutung bekam?
Was mir immer noch in Erinnerung ist, ist ein sechsjähriger Junge, der ein Mädchen in der Kita immer an ihrem langen Haar gezogen hat. Die Erzieher*innen haben mit Sanktionen und verbalen Interventionen reagiert, die aber nicht dazu geführt haben, dass der Junge mit dem Haareziehen aufhörte.
Durch viele Gespräche mit den Erzieher*innen und Eltern, durch meine Beobachtungen vor Ort und die gemeinsame Formulierung unterschiedlichster Hypothesen zum Grund des Verhaltens wurde schließlich klar: Er zieht das Mädchen an den Haaren, weil er das Geräusch so gern mag, das sie macht, wenn sie an den Haaren gezogen wird – sie kreischt nämlich laut und andauernd.
Die Lösung war dann sehr einfach: Wir baten das Mädchen, einmal für uns zu kreischen, haben das Ganze auf einem „BigMack“, einem einfachen elektronischen Sprachausgabegerät, aufgenommen und der Junge konnte das Geräusch von da an jederzeit abspielen und musste das Mädchen nicht mehr an den Haaren ziehen.
Was verändert sich in einem Team, wenn die Kolleg*innen das Verhalten eines Kindes besser verstehen?
Im besten Fall haben die Mitarbeitenden Spaß dabei, gemeinsam die „Forscherinnen-Brille“ aufzusetzen und Hypothesen für das Verhalten der Kinder zu formulieren. Bei der gemeinsamen Entwicklung von pädagogischen Ideen können dann alle kreativ werden. Und wenn das Verhalten der Kinder, das uns herausfordernd erscheint, dann abnimmt, ist das Bestätigung für die Mühen und Motivation für alle.
TEACCH – Struktur schafft Orientierung
Der TEACCH-Ansatz ist keine einzelne Methode, sondern orientiert sich an den individuellen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Wahrnehmungsweisen von Menschen im autistischen Spektrum. Ziel ist unter anderem, Orientierung, Lernen und möglichst selbstständiges Handeln zu unterstützen.
Eine wichtige Rolle spielen Strukturierung und Visualisierung. Abläufe können zum Beispiel mit geschriebenen Tagesplänen, Fotos, Piktogrammen oder Gegenständen sichtbar gemacht werden. Auch Räume und einzelne Aufgaben lassen sich so strukturieren, dass verständlicher wird: Was passiert wo? Was kommt als Nächstes? Wann ist etwas beendet?
Dabei gibt es keine Lösung, die für alle passt. Welche Form der Unterstützung hilfreich ist, richtet sich nach der einzelnen Person. Diese Individualisierung und die Orientierung an vorhandenen Stärken gehören zu den Grundprinzipien des Ansatzes.
TEACCH steht ursprünglich für „Treatment and Education of Autistic and related Communications Handicapped Children“ – sinngemäß auf Deutsch: „Behandlung und Bildung autistischer Kinder und von Kindern mit Kommunikationsbeeinträchtigungen“. Die Bezeichnung stammt aus der Entstehungszeit des Ansatzes, der in den 1960er Jahren an der University of North Carolina in den USA entwickelt wurde. Heute ist eher vom strukturierten Lernen nach dem TEACCH-Ansatz die Rede.

