Wolfgang, du arbeitest als Genesungsbegleiter im Sozialkontor. Was genau machst du?
Ich bringe meine eigenen Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen in meine Arbeit ein. Ich habe viele Jahre unter Depressionen und Angstzuständen gelitten und kenne das Hilfesystem aus eigener Perspektive. Dieses Erfahrungswissen nutze ich heute, um andere Menschen zu unterstützen.
Wie war dein Weg dorthin?
Mein Weg war lang und nicht einfach. Ich war viele Jahre in Behandlung, hatte Therapien, war in Selbsthilfegruppen und auch mehrfach in der Psychiatrie. Es gab immer wieder Rückschläge. Ich habe mich immer wieder zurückgekämpft und musste genauso oft wieder von vorne anfangen. Ich habe auch bei den Elbe-Werkstätten gearbeitet, das war eigentlich auf mich zugeschnitten. Aber durch meine Erkrankung konnte ich selbst dort nicht arbeiten, weil mir der Druck zu groß war. Irgendwann bin ich dann auf die EX-IN-Ausbildung zum Genesungsbegleiter im UKE gestoßen. Dort ging es nicht darum, sofort wieder zu funktionieren, sondern erst einmal darum: Wer bin ich eigentlich? Was kann ich noch geben? Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl: Da ist noch etwas möglich.
Was ist EX-IN?
EX-IN steht für „Experienced Involvement“, also die Einbeziehung von Erfahrungswissen. Es geht darum, die eigenen Erfahrungen mit psychischen Krisen bewusst einzusetzen. Wenn jemand sagt: „Ich sehe keinen Ausweg mehr“, kann ich sagen: „Ich kenne dieses Gefühl. Aber ich sitze heute hier und es kann wieder besser werden.“
Hat EX-IN noch etwas anderes in dir bewegt?
Vor der Ausbildung habe ich nie mehr damit gerechnet, jemals wieder arbeiten zu können. Denn die Angsterkrankung war mir jedes Mal im Wege. Immer wenn ich irgendwas machen wollte, kam irgendwann die Stimme im Kopf: „Du wirst versagen.“ Und dann war es auch so und die Angst war übermächtig. Aber bei EX-IN war sie nicht da. Und durch diese Ausbildung, durch das Zusammensein mit den anderen Menschen, die alle ihr Päckchen zu tragen haben, die alle auch erkrankt waren, habe ich erkannt: Du bist nicht alleine. Viele haben diesen Kampf zu kämpfen. Ich habe gemerkt, dass ich was zurückgeben kann, und zum Ersten Mal konnte ich wieder atmen.
Wie setzt du dieses Erfahrungswissen in die Praxis um?
Ein großer Teil meiner Arbeit ist eine sogenannte Recovery-Gruppe. Für mich bedeutet Recovery, gemeinsam wieder stark zu werden. In der Gesprächsgruppe schaffen wir einen Raum, in dem Menschen mit unterschiedlichen psychischen Erkrankungen einfach sein dürfen, wie sie sind. Ohne Druck! Manchmal geht es nicht darum, etwas zu verändern, sondern einfach nur darum, gehört zu werden.
Gibt es Momente in der Gruppe, die dich besonders berühren?
Ja, wenn ich merke, dass sich etwas löst. Wenn Menschen sagen: „Das hat mir gutgetan.“ Oder wenn jemand zum ersten Mal spürt: Ich bin nicht allein. Wenn Tränen fließen dürfen, ist das oft ein Zeichen von Erleichterung. Das sind die Momente, in denen ich weiß: Dieser Raum wirkt.
Wie helfen dir deine eigenen Erfahrungen im Umgang mit Menschen in psychischen Krisen?
Sie geben mir Verständnis und Geduld. Ich weiß, wie es ist, wenn scheinbar nichts vorangeht. Aber ich weiß auch: Es passiert trotzdem etwas, auch wenn man es von außen nicht sieht. Und ich kann Hoffnung geben, weil ich selbst diesen Weg gegangen bin.
Warum hast du dich für diesen Beruf entschieden?
Weil ich früher selbst jemanden gebraucht hätte wie mich. Jemanden, der mich versteht, ohne dass ich mich erklären muss. Ich wollte diese Erfahrung weitergeben und eine Brücke zwischen Nutzer*innen und Fachkräften bauen, um vielleicht auch bei ihnen ein anderes Verständnis zu entwickeln.
Die Voraussetzung für die Genesungsbegleitung ist ja die Erfahrung mit eigenen psychischen Erkrankungen. Was kannst du Menschen mit solchen Erfahrungen raten, die vielleicht auch diese Ausbildung machen wollen?
Wenn du stabil bist: Mach es einfach. Die EX-IN-Ausbildung ist kein Druck, sondern eine Reise zu dir selbst. Du bringst alles mit, was du brauchst, nämlich dich und deine Erfahrung. Und genau die kann für andere unglaublich wertvoll sein.

