Ein Haihut trifft auf Engelsflügel, daneben leuchten pinke Sonnenbrillen. Im Garten von Wohnen mit Assistenz Farmsen-Berne wird gelacht, Kaffee ausgeschenkt und Schmuck gebastelt. Auf den Tischen stehen große Bleche mit selbst gebackenem Kuchen, in einer Glasschale schwimmen Erdbeeren in Bowle. Zwei Menschen tanzen auf der Terrasse. Über der Feier hängt ein selbst gemaltes Banner: „20 Jahre Wohnen mit Assistenz“. Bewohner*innen, Gäste, ehemalige und heutige Mitarbeitende und viele Menschen, die die Wohnangebote des Sozialkontors in Farmsen-Berne und den Walddörfern über Jahre begleitet haben, feiern gemeinsam.
Auch in Harburg gibt es in diesem Jahr einen runden Geburtstag zu feiern: Wohnen mit Assistenz Schellerdamm besteht seit zehn Jahren. Dort schweben große grüne Ziffern an der Wand, auf dem Buffet stehen kleine Jubiläumsschilder zwischen den Platten, bunte Gläser warten auf den nächsten Toast. Zwei Feste, drei Wohnangebote – und ein guter Anlass, zurückzuschauen.
Vom Wohnplatz zum Zuhause
Wohnangebote des Sozialkontors – vormals bekannt als Behindertenhilfe Hamburg (BHH) – in Farmsen-Berne und den Walddörfern gab es schon länger. 2006 wurden aus den damaligen stationär geprägten Angeboten ambulant betreute Wohngemeinschaften, aus denen sich das heutige Wohnen mit Assistenz entwickelte. Hinter dem Wechsel steckt mehr als eine neue Bezeichnung. Bewohner*innen heißen heute Mieter*innen und gestalten ihren Alltag möglichst selbst: Sie entscheiden, wann sie einkaufen, wie sie ihre Wohnung einrichten, wofür sie Geld ausgeben oder wie sie ihre Freizeit verbringen. Unterstützung kommt dort hinzu, wo sie gebraucht wird.
Wie groß dieser Wandel ist, zeigt sich manchmal gerade an kleinen Dingen. Wojciech Bordin, Teamleiter in Farmsen-Berne, erinnert sich daran, dass Mieter*innen noch vor zehn oder zwölf Jahren häufiger Mitarbeitende fragten, ob sie sich etwas Besonderes zu essen kaufen dürften oder ob ein neuer Staubsauger in Ordnung sei. Heute komme das nur noch selten vor. „Inzwischen ist viel stärker angekommen: Das ist mein Zuhause, das ist mein Leben“, sagt er. Selbstbestimmung zeigt sich dann nicht in großen Schlagworten, sondern in einer Einkaufstüte, einem neuen Möbelstück oder der Entscheidung, den Nachmittag lieber allein zu verbringen.
Auch am Schellerdamm reicht die Geschichte weiter zurück als zehn Jahre. Schon zuvor gab es das Wohnen mit Assistenz in der Ebelingstraße nahe dem Harburger Bahnhof. Als das Gebäude dort nicht mehr passte, entstanden am Schellerdamm neue Möglichkeiten: mehrere Wohnungen in einem Neubau und damit deutlich mehr Wohnplätze. Zugleich öffnete sich das Angebot stärker für unterschiedliche Menschen – mit kognitiven Beeinträchtigungen ebenso wie mit psychischen Erkrankungen. Entscheidend blieb dabei nicht die Art der Beeinträchtigung, sondern die Frage: Welche Unterstützung braucht ein Mensch, um möglichst eigenständig zu leben?
Assistenz, die sich verändern darf
Manchmal beginnt Unterstützung sehr konkret. Ein Wocheneinkauf wird gemeinsam geplant und begleitet. Zu einem Arzttermin geht eine Assistenzkraft mit. Vielleicht über Monate, vielleicht über Jahre. Und irgendwann verändert sich etwas. Dann reicht es, vorher gemeinsam einen Einkaufszettel zu schreiben. Oder nach dem Arztbesuch darüber zu sprechen, wie der Termin gelaufen ist. „Ein Erfolg ist für uns, wenn Begleitung irgendwann nicht mehr nötig ist oder deutlich weniger wird“, beschreibt Henning Dinter, Leiter von Wohnen mit Assistenz am Schellerdamm, solche Entwicklungen.
Das heißt nicht, dass Unterstützung immer weniger werden muss. Das Leben verläuft selten geradlinig. Manche Menschen brauchen zeitweise mehr Assistenz als zuvor. Auch darauf muss ein Wohnangebot reagieren können. Am Schellerdamm konnten Mieter*innen trotz eines gestiegenen Unterstützungsbedarfs in ihrer eigenen Wohnung bleiben. Wenn das irgendwann nicht mehr möglich war, wurden gemeinsam andere passende Angebote gesucht und Übergänge begleitet. Und manchmal führt der Weg in die andere Richtung: Einige ehemalige Mieter*innen zogen später in eine vollständig eigene Wohnung oder mit ihrer Partnerin oder ihrem Partner zusammen.
Für Simon Steinhoff, Geschäftsbereichsleiter Teilhabe mit Assistenz und Sozialpsychiatrie Elbe Süd im Sozialkontor, liegt genau darin ein wichtiger Punkt. „Entscheidend ist nicht, welches Wohnangebot grundsätzlich besser ist“, sagt er. „Entscheidend ist, welche Unterstützung zu dem jeweiligen Menschen passt.“ Wohnen mit Assistenz kann deshalb auch für Menschen mit höherem Unterstützungsbedarf passend sein. Assistenz soll nicht möglichst viel übernehmen, sondern dort ansetzen, wo sie gebraucht wird – damit Menschen ihre Fähigkeiten nutzen, Entscheidungen treffen und ihren eigenen Alltag gestalten können.
Das Leben vor der Haustür
Zum eigenen Zuhause gehört auch, die Tür hinter sich zuzuziehen und hinauszugehen. In Farmsen-Berne und den Walddörfern sieht das für jede Person anders aus. Einige Mieter*innen pflegen enge Kontakte zu Familie und Freundinnen. Andere bowlen im Verein, interessieren sich für historische Eisenbahnen oder engagieren sich in einer Kirchengemeinde. Manche besuchen Angebote im Treffpunkt Hamburg Ost-Mahlhaus des Sozialkontors. Und es gibt Menschen, für die gerade die eigenen vier Wände besonders wichtig sind. Auch das ist eine Entscheidung, die respektiert wird.
Ähnlich ist es in Harburg. Mieter*innen im Schellerdamm nutzen den Treffpunkt Hamburg Süd des Sozialkontors in der Knoopstraße, unternehmen gemeinsam Ausflüge oder treffen Menschen aus anderen Wohnangeboten. Zeitweise gab es am Wochenende gemeinsame Brunches mit der Wohnassistenzgemeinschaft Grumbrechtstraße des Sozialkontors. Dabei entstehen Bekanntschaften, manchmal Freundschaften. Dass solche Verbindungen bleiben können, zeigte sich auch beim Jubiläum: Ehemalige Mieter*innen kamen wieder und trafen Menschen, mit denen sie einen Abschnitt ihres Lebens geteilt haben.
Wie lang so ein Lebensabschnitt sein kann, zeigt eine Geschichte aus Farmsen-Berne und den Walddörfern besonders eindrücklich. Vor Kurzem zog dort eine Mieterin wegen ihres hohen Pflegebedarfs in ein Pflegeheim. Fast 42 Jahre hatte sie zuvor in dem Wohnangebot gelebt. Beim Abschied, berichtet Wojciech Bordin, habe sie gesagt, sie wäre am liebsten geblieben. Hinter der Zahl steckt damit nicht nur eine lange Wohndauer. Sie erzählt auch davon, was ein Ort für einen Menschen bedeuten kann, wenn aus einer Adresse ein Zuhause geworden ist.
Für das nächste Jubiläum wünscht sich Simon Steinhoff vor allem, dass die Entwicklung des Wohn- und Assistenzangebots des Sozialkontors weitergehen kann: mit guten Bedingungen für individuelle Assistenz und mit Mitarbeitenden, die zuhören, mitdenken und gemeinsam mit den Menschen nach passenden Wegen suchen.





