Wir sind der Hafentreff

Planen, diskutieren, losziehen: Einmal im Monat kommen im Hafentor Nachbar*innen zusammen. Worum es geht und was genau passiert, bestimmen die Teilnehmenden.

Auf dem Flipchart im Gemeinschaftsraum stehen an diesem Nachmittag nur ein paar Stichworte: „Kasse“, „Grillen“, „CSD“. Rund um den Tisch sitzen vier Frauen und zwei Männer aus dem Hafentor, drei von ihnen im Rollstuhl. Michael Moormann, Heilerziehungspfleger im Sozialkontor, steht daneben, hört zu, fragt nach, blättert durch die Notizen vom letzten Treffen. Schnell entsteht ein lebendiges Gespräch, bei dem es mitunter durcheinander geht: Wer hat die Kasse besorgt? Was ist noch zu klären? Wer kümmert sich um das Grillen? Zwischendurch wird gescherzt und gelacht.

Die Menschen hier leben Tür an Tür, aber überwiegend in ihren eigenen Wohnungen. Im Hafentor bietet das Sozialkontor 17 Erwachsenen mit erworbenen Hirnschädigungen und komplexen Beeinträchtigungen Wohnen mit Assistenz und Pflege. Es gibt Einzel- und Zweipersonenwohnungen sowie eine Wohngemeinschaft für sechs Menschen. Sich im Haus regelmäßig über den Weg zu laufen, ist deshalb keineswegs selbstverständlich. Genau das wollte der Hafentreff ändern. „Dieses gemeinsam was machen, das hat so ein bisschen gefehlt“, sagt Michael Moormann.

Von Keksen bis Grillabend

Was gemeinsam gemacht wird, gibt niemand vor. Die Ideen kommen aus der Runde. Mal geht es um einen Filmabend, mal um einen Besuch des nahegelegenen Golden Pudel Clubs oder einen Ausflug in den Tierpark Hagenbeck. Für einen inklusiven Weihnachtsmarkt in der HafenCity haben einige gemeinsam Kekse gebacken und verkauft. Aus den Einnahmen entstand eine kleine Hafentreff-Kasse. Gerade plant eine Teilnehmerin eine Führung beim NDR. 

Die Idee zu einer anderen Aktion entstand ganz nebenbei auf dem Weg zur Arztpraxis. Dort entdeckten Mieter*innen des Hafentors eine öffentliche Grillstation. Mittlerweile gibt es das Grillen auf der Michelwiese jedes Jahr im Sommer. Im ersten Jahr fehlten noch Tische und Sitzgelegenheiten, beim nächsten Mal war die Runde besser vorbereitet. Inzwischen wächst das Treffen weiter und soll auch Menschen aus dem Umfeld zusammenbringen. 

Gemeinsam planen statt Programm bekommen

„Wir können zusammen etwas planen. Das ist super“, sagt eine Teilnehmerin, als sie gefragt wird, was ihr am Hafentreff besonders gefällt. Genau darin liegt der Unterschied zu einem vorgegebenen Freizeitangebot. Wer eine Idee hat, kann sie einbringen – und möglichst auch selbst einen Teil der Organisation übernehmen. Eine Person sammelt Informationen, eine andere kümmert sich um eine Reservierung oder bringt etwas mit. Mitarbeitende unterstützen dort, wo es nötig ist, aber die Entscheidungen bleiben bei der Gruppe.

Und nicht alles dreht sich um Ausflüge und Feiern. Auch Dinge, die den Alltag im Haus betreffen, landen auf dem Tisch. Zum Beispiel die Frage, ob Wände im Haus gestaltet werden dürfen. Oder die Brandmeldeanlage, deren Alarm die Mieter*innen immer wieder nachts aus dem Schlaf reißt. Für solche Themen ist die Interessenvertretung zuständig, also die Mietersprecher*innen von Wohnen mit Assistenz Hafentor, die auch regelmäßig beim Hafentreff dabei sind. 

So frei die Teilnehmenden bei der Gestaltung des Hafentreffs sind, zieht sich ein Thema wie ein roter Faden durch die meisten Aktivitäten: Es ist ein Ort für gemeinsames Leben. Geburtstage, Unternehmungen, Ideen – und manchmal einfach die Gelegenheit, die Menschen nebenan besser kennenzulernen.

Aus Nachbar*innen wird eine Runde

Für eine Frau, die noch nicht lange im Hafentor lebt, war genau das wichtig: „Für mich war das gut, um alle mal kennenzulernen.“ Daraus muss nicht sofort eine Freundschaft entstehen. Aber man kennt sich, verabredet sich eher, weiß, wer ebenfalls Lust auf Kino, Konzerte oder einen Ausflug hat. Manchmal entstehen auch kleinere Unternehmungen zu zweit. Zwei Mieterinnen erzählen, dass sie zusammen beim Friseur und bei der Nagelpflege waren, eine von ihnen bringt ihre Haltung dazu ziemlich knapp auf den Punkt: „Ich habe ja nur ein Leben.“

Nach dem Treffen fährt die Gruppe mit dem Aufzug nach unten. Direkt vor dem Haus stehen die Tische der Schanzenbäckerei. Dahinter fahren Autos vorbei, über der Straße liegt die Hochbahntrasse, die Landungsbrücken sind nur wenige Schritte entfernt. Fürs Foto sitzen die sechs noch einmal zusammen, Rollstühle neben Bank und Tisch, Kaffeebecher in der Mitte. Eben wurde oben geplant, jetzt ist die Runde mitten in dem Viertel angekommen, das vor ihrer Haustür liegt.

Michael Moormann fasst das, was beim Hafentreff langsam wächst, in einem ziemlich treffenden Satz zusammen: „Wir sind das Hafentor. Wir alle.“

Kati Imbeck