Wohnen mit Halt und Perspektive

Ein neues Wohnangebot des Sozialkontors begleitet Menschen mit psychischen Erkrankungen und hohem Unterstützungsbedarf – darunter auch Menschen, die vorher im Maßregelvollzug waren.


 „Hätte ich so ein Angebot früher nutzen können, wäre mir vieles erspart geblieben“, sagt Leon Nowak*. Der heute Mitte 40-Jährige hörte lange Stimmen, fühlte sich verfolgt, war reizbar und niedergeschlagen. Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Stimmungsschwankungen – all das sind Symptome der paranoiden Schizophrenie, die bei ihm diagnostiziert wurde. Jahre war er abwechselnd in der Psychiatrie und obdachlos, bis er in eine begleitete Wohn- und Assistenzgemeinschaft des Sozialkontors zog.

Für Menschen wie ihn hat das Sozialkontor das neue Angebot „Wohnen mit Assistenz für Menschen mit seelischer Behinderung in komplexen Problemlagen“ entwickelt. Es richtet sich an Erwachsene mit psychiatrischen Diagnosen wie Schizophrenie, bipolarer Störung oder Persönlichkeitsstörungen – darunter auch Menschen, die in psychischen Krisen mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. „Mit diesem neuen Leistungsangebot wollen wir dazu beitragen, stationäre Aufenthalte zu vermeiden sowie Obdachlosigkeit und instabile Wohnsituationen zu verhindern“, sagt Simon Steinhoff, Leiter Teilhabe mit Assistenz & Sozialpsychiatrie Elbe Süd im Sozialkontor. „Psychische Stabilität, soziale Teilhabe und existenzielle Sicherheit für Menschen mit psychischer Erkrankung heißt weniger Krisen und mehr Sicherheit – sowohl für die erkrankte Person selbst als auch für das Umfeld und die Gesellschaft. Daran arbeiten wir gemeinsam.“

Das Angebot richtet sich auch an Menschen, die im Maßregelvollzug waren, weil sie in einer schweren Krise eine Straftat begangen haben und als nicht schuldfähig galten. Auch wenn solche sogenannten forensischen Krankheitsverläufe sehr selten auftreten, hat sich ihre Zahl in den vergangenen 25 Jahren in Hamburg verfünffacht: von durchschnittlich 90 Patient*innen im Jahr 2000 auf mehr als 450 im Jahr 2024, heißt es im Hamburger Psychiatrieplan. „Entsprechend hoch ist der Bedarf an spezialisierten Assistenzangeboten, in denen sie Wohnraum finden und forensische Nachsorge erhalten“, sagt Simon Steinwachs, Leiter Teilhabe mit Assistenz & Sozialpsychiatrie Elbe Nord im Sozialkontor.

Individuelle Assistenz – mitten im Alltag

Assistenz für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sowie forensische Vor- und Nachsorge sind schon seit Jahren Teil der Leistungen des Sozialkontors. „Wir haben aber festgestellt, dass das bisherige Angebot nicht ausreichte, um den komplexen Unterstützungsbedarfen dieser Menschen angemessen zu begegnen“, so Simon Steinwachs. In den neuen Wohn- und Assistenzgemeinschaften können 18 Menschen in WGs verschiedener Größe wohnen – mitten in belebten Nachbarschaften.

Wer dort wohnt, erhält umfangreiche Assistenz in Form von Einzel- und Gruppenangeboten. Die Unterstützung ist so vielfältig wie die Mieter*innen selbst: „Wir helfen beim Kontakt zu Kliniken, Ärzt*innen, rechtlichen Betreuer*innen, Arbeitgeber*innen oder Behörden. Und manchmal geht es darum, alltägliche Dinge wie Kartoffeln kochen zu üben“, sagt Mathias Salmann, Sozialarbeiter beim Sozialkontor mit Schwerpunkt forensische Nachsorge.

Einer der Menschen, die er begleitet, ist Mirko Amon*. Anfang 30, hat er bereits 14 Jahre im Maßregelvollzug hinter sich, weil er in einer akuten psychotischen Phase einen anderen Menschen schwer verletzte. Heute nimmt er regelmäßig Medikamente, wohnt in einer Wohn- und Assistenzgemeinschaft des Sozialkontors, arbeitet in einem Autoteilelager – und kommt meist eine Stunde früher zur Arbeit, um nicht den Job zu riskieren. „Ich habe eine Straftat begangen, aber ich tue alles, damit das nicht wieder passiert“, sagt er.

Ziele finden, Verantwortung übernehmen

Bei der Assistenz durch das Sozialkontor spielt die Beziehung zu festen Bezugsmitarbeiter*innen eine zentrale Rolle. Gemeinsam werden mit dem Assistenzplanungsinstrument „MeinNavi“ Ziele entwickelt und dokumentiert. „Wir beschäftigen uns auch mit ihren Stärken – das ist für viele ganz neu“, sagt Mathias Salmann. „Wenn dabei zum Beispiel herauskommt, dass sie immer sehr positives Feedback von Arbeitgeber*innen und Kolleg*innen bekommen, sind sie ganz überrascht.“

Der häufigste Wunsch: „Irgendwann ganz normal arbeiten und in meiner eigenen Wohnung leben.“ Die WG kann ein Sprungbrett sein – auch wenn die Eingewöhnung manchmal schwerfällt. Besonders WG-Besprechungen stoßen oft auf Ablehnung. „Von Gruppen habe ich genug“, ist ein typischer Satz. Konflikte gehören dazu. Typische Reizthemen: Sauberkeit, Lärm oder Besuch. „Unsere Aufgabe ist es, das WG-Leben zu moderieren und bei Konflikten zu unterstützen – und so auf lange Sicht die Fähigkeiten und das Verantwortungsbewusstsein der Mieter*innen zu stärken“, sagt Mathias Salmann.

Auch bei Neueinzügen haben die Mieter*innen ein Mitspracherecht. In der Regel finden vorher mehrere persönliche Treffen statt. „Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es mit dem Zusammenwohnen klappt“, sagt Mathias Salmann. Bestenfalls kann das dazu führen, dass in manchen WGs nicht nur der Putzplan klappt, sondern auch Freundschaften entstehen. „Mein Mitbewohner und ich gucken auch mal einen Film oder ein Fußballspiel zusammen oder unternehmen etwas gemeinsam“, erzählt Leon Nowak.

*Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte wurden Namen und persönliche Informationen anonymisiert.

Foto: iStock / Symbolbild, zeigt ein Model


Gut vernetzt und qualifiziert – gemeinsam stark

Die Mitarbeiter*innen des neuen Angebots „Wohnen mit Assistenz für Menschen mit seelischer Behinderung“ arbeiten meist in Tandems. Sie kooperieren eng mit Kliniken, Bewährungshelfer*innen, Psychiater*innen, Betreuer*innen und Angehörigen. Besonders aktiv ist das Sozialkontor im „Modellprojekt Hamburger Süden“, das die Versorgung schwer psychisch erkrankter Menschen in Harburg und auf den Elbinseln verbessert.

Die Teams bestehen aus Sozialarbeiter*innen, Psycholog*innen, pädagogischen Fachkräften und psychiatrieerfahrenen Genesungsbegleiter*innen. Durch Zusatzqualifikationen im Bereich forensische Nachsorge, Schulungen im Offenen Dialog sowie Supervisionen und kollegiale Beratung wird die Qualität der Assistenzleistungen kontinuierlich gesichert.

Kati Imbeck/Sozialkontor