Es ist ein ganz normaler Dienstagmorgen im Büro von GUT GEFRAGT in der Stahltwiete in Hamburg-Bahrenfeld. Jemand packt sein Frühstücksbrot aus – es riecht nach strengem Käse. Die Kolleg*innen machen Witze darüber oder rümpfen kurz die Nase. Büroalltag eben. Naja, fast. Denn wer genauer hinsieht, merkt schnell: Hier ist einiges anders.
An den Schränken in der Teeküche hängen kleine Piktogramme – eine Tasse, ein Teller, ein Glas. Sie zeigen, was sich dahinter verbirgt. In einem anderen Schrank sind Teesorten zu finden, deren Verpackungen auch in der Blindenschrift Braille beschriftet sind. Barrierefreiheit ist hier kein Zusatz, sondern Alltag. Der Grund dafür liegt in der Arbeit des Teams. Die Mitarbeitenden befragen Menschen mit Behinderungen nach ihrer Zufriedenheit mit Assistenzangeboten, in denen sie Unterstützung erhalten, um am Leben in der Gesellschaft teilzuhaben.
Im hellen Großraumbüro arbeiten mehrere Menschen zusammen, einer sitzt im Rollstuhl, ein anderer nutzt einen Rollator. Das Team besteht zu 60 Prozent aus Menschen mit Behinderungen. Als „Peer-Expert*innen“ haben sie ähnliche Erfahrungen gemacht, wie die Menschen, die sie befragen. „Man ist auf gleichem Niveau und versteht sich dann auch gut“, sagt Niklas Luy, der gerade eine Ausbildung bei GUT GEFRAGT macht. „Jeder trägt sein eigenes Päckchen mit sich herum.“
Wie ist die Ausbildung bei GUT GEFRAGT?
Niklas Luy sitzt im Büro zusammen mit einem erfahreneren Kollegen über einem großen Plakat, auf dem sie die Ergebnisse einer Befragung vorbereiten. Punkte auf einer Skala zeigen, wie Menschen bestimmte Themen bewertet haben – zum Beispiel ihre Privatsphäre, Freizeitangebote oder Selbstbestimmungsmöglichkeiten. Morgen werden sie die Auswertung in einer Einrichtung präsentieren.
Der Weg zu dieser Ausbildung war für den 33-Jährigen nicht selbstverständlich. Niklas Luy lebt mit einer halbseitigen Spastik und einer starken Sehbeeinträchtigung auf dem rechten Auge. Vor einiger Zeit zog er von Husum nach Hamburg in eine Wohn- und Assistenzgemeinschaft des Sozialkontors. Dort erhält er Unterstützung im Alltag – etwa beim Kochen, Putzen, bei Behördenpost oder organisatorischen Dingen. Seinen alten Job in einem Baumarkt, wo er Waren einräumte, Preise auszeichnete und sich um Pflanzen kümmerte, konnte er hier nicht weiter machen.
Als ihm vorgeschlagen wurde, in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung zu wechseln, war für ihn schnell klar: Das möchte ich nicht. „Ich habe neun Jahre auf dem ersten Arbeitsmarkt gearbeitet. In eine Werkstatt zu wechseln wäre für mich ein Rückschritt gewesen“, sagt er.
Stattdessen entdeckte er bei einer Befragung in seiner Wohn- und Assistenzgemeinschaft die Arbeit von GUT GEFRAGT. Nach einem Praktikum begann er dort in Teilzeit die Ausbildung zum Peer-Experten. An Bürotagen ist er meist von 9 bis 13 Uhr dort – so bleibt genug Zeit, um auch den Arbeitsweg zu bewältigen. Denn der ist lang. „Ich fahre eine Stunde hin und eine Stunde zurück mit Bahn und Bus“, erzählt er. „Das nervt manchmal ein bisschen, aber so ist das halt in der Großstadt.“
Wie bewerten Menschen mit Behinderungen Assistenz?
Befragungen und Workshops sind meistens nachmittags oder abends und finden in den Einrichtungen statt – also an verschiedenen Orten in ganz Hamburg. Sie sind Teil der sogenannten nueva-Evaluation. Auch das Sozialkontor nutzt dieses Instrument seit 2017, um regelmäßig die Zufriedenheit von Menschen zu erheben, die Assistenzangebote nutzen.
Dafür interviewen Peer-Expert*innen die Menschen vor Ort, werten die Ergebnisse aus und besprechen sie anschließend gemeinsam. Ziel ist es, herauszufinden was gut funktioniert – und wo sich etwas verbessern lässt. In der Ausbildung lernen Niklas Luy und seine Kolleg*innen deshalb nicht nur Interviewtechniken, sondern auch, Gruppen zu moderieren und Ergebnisse verständlich zu präsentieren.
Wenn Menschen mit ähnlichen Erfahrungen miteinander sprechen, entstehen oft besonders offene Gespräche. „Es wirkt ganz anders, wenn nicht eine Assistentin fragt, ob alles gut läuft, sondern eine Person, die auch eine Behinderung hat“, erklärt Janina Bernhardt, Betriebsleitung von GUT GEFRAGT.
Wie entstehen aus Befragungen bessere Assistenzangebote?
Wie dieser Prozess in der Praxis aussieht, zeigt der Besuch eines Workshops im Hilda Heinemann Haus, einem Wohn-Angebot des Sozialkontors für Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung. Hier treffen sich zehn Bewohner*innen, zwei Mitarbeitende und ein Team von GUT GEFRAGT, um die Ergebnisse der letzten Befragung auszuwerten.
Niklas ist an diesem Tag im Urlaub. Stattdessen moderieren eine andere Auszubildende, eine erfahrene Peer-Expertin und eine Projekt-Assistentin den Termin. Die zentrale Frage: Welche konkreten Verbesserungen können wir aus den Ergebnissen ableiten?
Ein Beispiel betrifft Informationen im Alltag. In der Befragung hatten mehrere Teilnehmende angegeben, dass sie manche Aushänge oder Hinweise nicht gut verstehen. Deshalb zeigen die Peer-Expertinnen jetzt zwei verschiedene Essenspläne herum – einen mit Text und einen mit Symbolen – und fragen, welcher verständlicher ist. Das Ergebnis ist schnell klar: Alle bevorzugen den Plan mit Symbolen. Also wird beschlossen, künftig Info-Aushänge mit noch mehr Symbolen als bisher zu gestalten.
Manuela Salzmann, Teamleitung im Hilda Heinemann Haus, hat diese nueva-Evaluation von Anfang an begleitet – und nimmt die Aufgabe direkt mit. Sie will dafür sorgen, dass Mitarbeitende leichter auf passende Symbole zugreifen können, wenn sie zum Beispiel Essenspläne erstellen.
Warum ist Beteiligung von Menschen mit Behinderung wichtig?
Für die Mitarbeitenden ist dieser Austausch manchmal ungewohnt. Schließlich werden bei den Befragungen auch ihre Arbeitsabläufe bewertet. Doch genau darin liegt der Wert des Prozesses. „Man hört doch noch einmal etwas Neues“, sagt Manuela Salzmann. „Es ist nicht der Alltag – man wird noch einmal zum Nachdenken angeregt.“
Auch für die Menschen, die im Haus leben, ist die Beteiligung ein echter Gewinn. Sie erleben, dass ihre Meinung ernst genommen wird und konkrete Veränderungen möglich sind. Als der Workshop nach zweieinhalb Stunden endet, sind zwar alle müde und hungrig. Aber auch zufrieden. „Das war gut heute“, lautet das Fazit von Sylvia K. und Florian W., die beide im Hilda Heinemann Haus wohnen.
Genau darum geht es bei den Zufriedenheitsbefragungen: Menschen zu Wort kommen lassen – und ihre Ideen ernst nehmen. Denn wenn diejenigen mitreden, die Unterstützung im Alltag nutzen, entstehen oft die besten Verbesserungen.
Was ist GUT GEFRAGT?
GUT GEFRAGT ist ein Hamburger Sozialunternehmen, das sich mit der Qualität von Assistenz- und Unterstützungsangeboten beschäftigt. Bekannt ist es vor allem für Befragungen von Menschen mit Behinderung – etwa im Rahmen der sogenannten nueva-Evaluation.
Darüber hinaus bietet GUT GEFRAGT verschiedene Formate rund um Beteiligung und Barrierefreiheit an. Dazu gehören Workshops, Beratungen, barrierearme Befragungs- und Beteiligungsformate und Schulungen für Interessensvertreter*innen (Wohn- und Werkstatträte). Auch digitale Werkzeuge zur barrierefreien Datenerhebung gehören zum Angebot.
Gegründet wurde das Unternehmen von mehreren Hamburger Organisationen der Behindertenhilfe, darunter auch das Sozialkontor. Ziel ist es, die Perspektive von Menschen mit Behinderung stärker in die Qualitätsentwicklung sozialer Angebote einzubeziehen.






